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#neugier#toleranz#eiermann

Gabriel & Gabriela

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Gabriel & Gabriela | story.one

„Gabriel! Gabriel! Ich habe frische Eier! Wie viele frische Eier möchtest du heute haben?“.

„Gabriel ist heute nicht da!“, rief ich zurück.

„Gabriela! Gabriela! Ich habe frische Eier! Wie viele frische Eier möchtest du heute haben?“

„Ein halbes Dutzend werden wohl genügen. Ich habe noch reichlich viele von letzter Woche übrig!“.

Während sich die Eier in meinem Hause häuften, wiederholte sich dieses Szenario jeden Freitag bis zu dem Tage, an dem Eierknabe, der zusammen mit seinem Vater ganz Bad-Brahm mit frischen Eiern belieferte, im Höhepunkt seines Reifeprozesses begriff, dass Gabriel und Gabriela ein und dieselbe Person waren, und zwar ich. Der Knabe wurde stutzig. Ihm überkam die Neugier und sein von Geburt an blasses Gesicht wurde noch blasser, noch weißer und fahler. Er bettelte förmlich um eine Erklärung und die gab ich ihm: „Ich bin Gabriel und ich bin auch Gabriela. Ja, alle beide bin ich. Gabriel liebt Gabriela und Gabriela liebt Gabriela auch. Aber Gabriela liebt auch Gabriel und Gabriel, der liebt Gabriel auch. Ich habe Gabriel nicht lieber als Gabriela und habe ebenso wenig Gabriela lieber als Gabriel. Müsste ich mich zwischen einem der beiden entscheiden, würde das mein Ende bedeuten, mein Tod. Mein ganzes Ich würde verschwinden, sich in Luft auflösen, denn so wie zwei verliebte Schwäne unzertrennlich sind, so sind auch Gabriel und Gabriela in mir verankert und vereint, tief in mir.“

Sowie der Eierknabe seinem Vater von Gabriel und Gabriela erzählte, befürchtete dieser Letztere die Erblindung seines blässlichen Sohnes durch den Anblick meiner dualen Gestalt. Er betete zu seinen Hühnern, zu Gott, zu Allah, zu Buddha und zu den sieben Weltwundern. Er betete, um seinen Sohn vor zukünftigem Grauen zu bewahren.

Seit jenem Tag an kam der Eierknabe mit seinem Vater nicht mehr bei mir vorbei. Ganz Bad-Brahm wurde mit Eiern beliefert, außer Gabriel und Gabriela. Die mussten die letzten drei Jahrzehnte ohne frische Eier überleben. Doch heute bekommen Gabriel und Gabriela wieder Eier vom selben blässlichen Eierknaben von damals geliefert! Ausgerechnet heute, wo ganz Bad-Brahm um den Tod seines Vaters — der Eiermann — trauert, erscheint er mit den 9.360 Eiern, die er für mich in den letzten Jahrzehnten beiseitegelegt hatte.

Vermutlich bedeutet der Tod des Einen das Wiederkehren des Anderen. Dennoch kommt es mir vor, als ob das Wiederkehren des Eierknaben mit der Verabschiedung meines Daseins Hand in Hand kommt.

Bevor mich der Ruf des Eierknaben erreicht, mag ich also meinen letzten Wunsch aussprechen: Gabriel und Gabriela zum Altar führen, mich vor Gott und Teufel trauen lassen. Danach, Gabriel und Gabriela Arm in Arm zu begraben und mit ihnen in den ewigen Schlaf zu fallen.

„Gabriel! Gabriel! Ich habe frische Eier! Wie viele frische Eier möchtest du heute haben?“.

„Gabriel ist heute nicht da!“, rief ich zurück.

„Gabriela! Gabriela! Ich habe frische Eier! Wie viele frische Eier möchtest du heute haben? Gabriela?“.

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-10

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