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Vom Pinsel zur Feder

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Vom Pinsel zur Feder | story.one

Seien es die Rosen, die bei Anbruch des Tages ihre roten Tutus ausfalten und die Sonne begrüßen und ihr auf ihrer täglichen Reise vom Orient zum Okzident hinterhertanzen; seien es ihre Düfte, die die fünf menschlichen Sinne — und auch weitere zwei bis drei zurzeit noch unbekannte Sinne — zum Erwachen bringen; seien es die unendlich kleinen Luftpartikel, die das innere Blut aus dem Tiefschlaf rütteln und das Herz und die Wangen erwärmen; seien es die kahlen Bergspitzen, die den Wolken in die Arme fallen und einen endlosen Krieg auslösen, um den in den Wolkenbäuche ruhenden Schnee für sich zurückzuerobern; seien es die einsamen Sterne am Himmel, die sich vom Leben verabschieden und dessen Licht sich in seliger Ruhe auf dem Wege ins geheimnisvolle All machen; seien es die hübschen Männer, die wegen eines pikanten Augenzwinkerns zu griechischen Skulpturen versteinern und die reinste Schönheit verkörpern; seien es die unzähligen kolossalen Schatten, die auf den schmächtigen und mächtigen Gegenständen eine größere Anziehungskraft ausüben als jedes bekannte Schwarze Loch auf das um sich kreiselnde Licht; seien es die Gespräche mit dem eigenen Spiegelbild, welche in einem Liebesdrama enden, weil es sich in sich selbst rettungslos verliebt; seien es die wütenden Donner, deren gewaltige Kräfte die Porzellanteller und Glasgläser jeder unschuldigen Hausfrau in unzähligen Splitter zerschmettern; seien es die hellen und tiefen Stimmen eines Kirchenchores, die aus den Böden, den Wänden und den Decken singen und wie Tausende hochgestimmte Glocken klingen; seien es die grünen Wiesen und die blauen Himmel auf Erden; seien es der im Menschen tief verankerte weiße Frieden, schwarzer Hass oder die — ebenso im Menschen tief verankert — rote Liebe, die jedem zum Staunen bringen; oder sei es letzten Endes — bei Nacht werden — ein fallendes Blütenblatt, welches zum Gedicht wird — und gar die ganze Natur, die zur Schrift wird! — oder ein Antlitz, aus dem einen unnachahmlichen Bild entsteht; sei es, was es sei, man könnte nicht mit Gewissheit sagen, welche dieser Begebenheiten real und welche nur bloße Vorstellung sind.

Doch — auch wenn sie für die herkömmlichen Lebewesen nicht sichtbar sind— treibt jede einzelne dieser Begebenheiten diese junge Dichterin — oder Malerin — dazu, immer wieder vom Pinsel zur Feder und von der Feder zum Pinsel zu wechseln, um am Ende des Tages das nicht Greifbare für den Rest der Welt und dessen Menschheit greifbar zu machen, um so der Vollendung ihres Lebenswerkes — meines Lebenswerkes! — etwas näher zu kommen.

© Melanie Flores Bernholz 2021-09-17

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