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Ein neuer Auftrag

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Ein neuer Auftrag | story.one

Nun stehe ich also vor dem Tor zu einer neuen Welt. Der Gedanke daran lässt die Müdigkeit der langen Reise augenblicklich verschwinden, und Aufregung durchströmt meinen Körper. Spannend. Gerade eben noch mühte ich mich Schritt für Schritt den Berg hoch, der Rücken schmerzte und jetzt fühle ich mich wie neugeboren. Einmal noch in mich gehen, tief durchatmen und dann …

Ich öffne das Tor und trete ein. Ein kleiner, ungepflegter Garten zu meiner Rechten, und da, zu meiner Linken, steht es. Das Kloster. Mein neues Zuhause. Und jetzt? Herumliegender Müll lässt erkennen, dass es hier belebt ist, doch herrschen im Moment Menschenleere und Stille. Eine Organisation hat mich zwar angekündigt, aber es gibt anscheinend kein Fest für den Neuankömmling. Eher scheint es so, als erwarte mich niemand.

Ich entdecke eine Treppe, die seitlich am Kloster hinauf führt. Ich folge ihr. Nach einigen Schritten wird die Stille durch Geräusche spielender Kinder unterbrochen. Klar doch. Die Organisation gab mir ja Bescheid. Es werden von Zeit zu Zeit Volontäre vor Ort sein und sich um die jungen Nonnen kümmern. Die Treppe endet vor einem gepflasterten Bereich, überdacht mit rostigem Wellblech. Zwei junge Frauen sind gerade damit beschäftigt ungefähr 15 kleine Mädchen unter Kontrolle zu bringen. Wären da nicht die kahl rasierten Köpfe und die einheitlichen Kutten, würde ich meinen, es könne sich bei den Kleinen nicht um Nonnen handeln. Chaotisch, energievoll und wild geht es zu. Es herrscht ein Durcheinander, und in den Gesichtern der betreuenden Frauen ist völlige Überforderung zu erkennen. Dann werde ich entdeckt. Die Aufregung hält sich in Grenzen. Einzig ein „Look, funny pants!“ ist zu hören. Darauf folgt kurzes Gelächter und schon wird wieder Unfug getrieben. Funny pants? Verunsichert blicke ich auf meine Hose – und muss selbst schmunzeln. Ich trage eine von diesen bequemen Haremshosen. Sie sieht tatsächlich etwas lustig aus. Karl Lagerfeld wäre sie bestimmt ein Dorn im Auge, doch wird damit das Gefühl der Freiheit in meinem Inneren gefördert. Und das ist mir gerade etwas wichtiger als die Bewertung eines Mode-Moguls.

Eine der Voluntärinnen kommt auf mich zu. “Schön, dass du hier bist. Wir können wirklich etwas Unterstützung gebrauchen. Aber komm erst mal an. Ich zeig‘ dir nach dem Unterricht dein Zimmer und führe dich herum. 5 Minuten." Dankend nehme ich das Angebot an. Ich lasse mich auf einer Mauer nieder und warte. Während ich das Geschehen weiter beobachte, spüre ich, wie das Bedürfnis in mir hochsteigt, mich hier einzubringen und zu helfen. Erinnerungen an meinen unerfüllten Traum des Kindergartenlehrers werden wach. Vorfreude kribbelt in mir. "Ja, das ist meine Möglichkeit ihn auszuleben." Noch dazu wird mir eines bewusst: So kann ich meinem Leben womöglich endlich eine gesunde Bedeutung geben.

© Michael Pommer 2021-05-03

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