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#familie#krebs#geschwister

Mein Ongel - der Halbbruder meiner Mutter

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Mein Ongel - der Halbbruder meiner Mutter | story.one

Ja, richtig gelesen - mein Ongel. Er wollte immer so genannt werden. Wegen 'zwischen Dir und Ongel' (zwischen TĂŒr und Angel). Wir - mein Halbonkel und ich - haben uns oft nur flĂŒchtig und rasch getroffen, deshalb ist der Onkel zum Ongel (Angel) mutiert. Ich liebte Helmut, meinen Onkel/Ongel/Halbbruder meiner Mutter, als Kind und Jugendliche abgöttisch. Er war modern, schrill, anders, unkonventionell, rebellisch mit langem Haar, Bart, modischem Outfit und zahlreichen Freundinnen. Mein Ongel Helmut. Werbetexter, Raucher, Pferdenarr. SpĂ€ter gegen die Werbung mit der Radiosendung 'Und nach der Werbung husch ins Bett' (da durfte ich gemeinsam mit Dieter Dorner sprechen). Er schrieb gemeinsam mit Ingrid Rumpold (Help - die Konsumentenredaktion) und Matthias Dorcsi das Buch 'Handbuch der Homöopathie'. Mein Ongel begleitete seine Halbschwester, meine Mutter, durch ihre schwere Zeit des Abschiednehmens und ihres eigenen Endes. Er war, so wie ich, an ihrer Seite. Er verstand ihre Sucht - das Rauchen. Er war selber Raucher. Er war immer Rebell und anders artig - mein Vater hasst ihn. Er hasst ihn, als Sinnbild der 68er, sowieso, aber er hasste ihn als Begleiter der Selbstbestimmung meiner Mutter in ihren letzten Monaten umso mehr. Mein Ongel hatte ihr einen Arzt in Portugal vermittelt, den sie aufsuchte. Er hat mich unterstĂŒtzt, dass meine Mutter zu Hause sterben konnte. Und mein Ongel war an ihrem Sterbetag da, hat mir geholfen, den Leichnam meiner Mutter zu waschen und anzuziehen. Mein Ongel war da.

Die Spannungen zwischen meinem Vater und Helmut waren spĂŒrbar. Meine Mutter wollte ihren Halbbruder regelmĂ€ĂŸig bei sich haben. Sie hatten eine gemeinsame Vergangenheit, einen gemeinsamen Vater. Sie waren so unterschiedlich - und doch Geschwister und verbunden. Helmut war fĂŒr seine Halbschwester, meine Mutter, immer da. In guten Zeiten und in schlechten Zeiten. Und er hatte auch versucht, fĂŒr mich da zu sein.

Meine Stiefgroßmutter, die Mutter von Helmut, die Stiefmutter meiner Mutter, war eine hartherzige Frau. Sie hat meinen Ongel jeden Tag nach der Schule mit einem nassen Aufreibfetzen begrĂŒsst- den sie ihm ins Gesicht schlug. Quasi als tĂ€gliche Übung. Auf Erbsen knien oder Erbrochenes essen - alles war bei ihr möglich. Mein Ongel hatte fĂŒr sein Leben gelernt - und rebellierte mit den 68ern mit. Meine Mutter hatte eine tiefe Verbindung zu ihm. Sie waren sich sehr nah, obwohl mein Vater alles tat, um das zu verhindern. Meine Mutter blieb beharrlich und wollte ihren Halbbruder treffen. Auch in der Phase ihres Lebens, wo es klar war, dass ihr Ende nahe war. Ein Band der Gemeinsamkeit, dass bis zum Ende hielt.

Mein Ongel starb 2009, vermutlich an Lungenkrebs. Ich hatte ihn nach dem BegrÀbnis meiner Mutter bei meiner ersten Hochzeit 1987 das letzte Mal persönlich gesehen. Dass er schwer krank ist, hat er mir verschwiegen. Warum wohl?

Meine Mutter starb am 13.11.1985 mit 55 Jahren. Todesursache: Lungenversagen durch Lungenkrebs

© Michaela Schmitz 2020-05-30

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