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#strassenfest#jamsession#stadtmusiker

Auf der Straße

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Auf der Straße | story.one

Einen großen Teil des Zusammenlebens in der Experimental machte die Straßenkunst aus. Wir mussten für das Haus weder Miete noch Betriebskosten zahlen. Zum Kochen brauchten wir allerdings Gas, das in Flaschen gekauft werden musste. Außerdem brauchten wir Essen. Die Grundversorgung bezogen wir über eine Food-Coop. Zusätzlich gingen wir regelmäßig containern.

Dank unserer geringen Lebenserhaltungskosten, kamen wir gemütlich mit Straßenkunst aus. Ein bis zweimal die Woche ging eine variierende Gruppe in die Stadt um zu spielen, das Geld war für die Hauskasse. Wenn es warm war, gingen wir ins Freie, wenn es kalt war in die Vorortzüge und Schnellbahnen. Die Züge brachten meist mehr Geld mit weniger Aufwand. Doch wir dachten eher an die Stimmung, die wir erzeugen wollten, als an das Geld. Das war etwas Besonderes, im Zugwaggon zu spielen. Der Raum war beengt, die Atmosphäre intimer. Man musste ausgesprochen feinfühlig sein, um die Menschen nicht zu verschrecken. Meist war es bereits beim Betreten des Waggons deutlich spürbar, ob es besser war ganz still zu bleiben und möglichst gleich wieder auszusteigen, oder ob es Sinn machte, zu spielen zu beginnen.

Manchmal waren die Menschen offen und neugierig und wir konnten sofort loslegen. Manchmal waren sie scheu und wir begannen sachte und leise, um sie nicht zu überfordern. Einmal, als ich mit dem Hut tanzend durch einen Waggon zog, blickte mir eine ältere Frau mit tränen-gerührtem Blick in die Augen und spendete einen Zehn-Euro-Schein. Als sich unsere Augen trafen, wurde mir bewusst, wie sehr wir die Stimmung im Waggon mit Musik und Poesie beeinflussten. Ich fühlte eine große Verantwortung für unser Tun, für das, was wir in den Raum brachten, um die Menschen (unfreiwillig) damit zu konfrontieren.

Wenn wir „auf die Straße“ gingen, improvisierten wir immer. Es waren mehrere Instrumente dabei, dazu wurde gesungen, getanzt, jongliert und manchmal auch poetische Gedichte erfunden. Die funktionierten besonders gut in den Zügen. Bevor wir für die Menschen spielten, stimmten wir uns immer erst aufeinander ein. Das ging meist schnell, da wir untereinander sehr eingespielt waren. Hatten wir eine schöne Synergie gefunden, öffneten wir uns um sie nach außen zu tragen.

Einmal waren wir auf einem kleinen Platz an einer verwinkelten Kreuzung, an dem wir ein richtiges kleines Straßenfest erzeugten: für mehrere Stunden lockten wir die Menschen an, sie kamen mit Instrumenten, um mit uns zu spielen und spendeten dann auch noch in den Hut. Es wurde getanzt und gesungen. Unsere gute Laune hatte funkensprühend Wellen geschlagen, wir hatten den Platz mit feiernden, spielenden Menschen gefüllt. Es war wie ein „Baye Fall“ a là Experimental: unser persönliches Ritual der Lebensfreude und Verbundenheit. Eine der schönsten Sessions, die wir je auf der Straße gehabt hatten, da sich so viele Menschen spontan einbrachten und mitwirkten, wirklich gemeinsam im öffentlichen Raum waren.

© Miriam Strasser 2021-07-16

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