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Cal Clown

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Cal Clown | story.one

Ein altes, zweistöckiges Steinhaus auf einer großen Waldlichtung, daneben ein blau-weiß gestreiftes Zirkuszelt voller Kostüme und Requisiten: Das war die „Casa de los Clowns“. Der Ort bestach durch malerische Schönheit und romantische Verborgenheit. Von Figueres aus fuhr man eine gute dreiviertel Stunde über Landstraßen, Wald- und Feldwege, bis sich das erste Hinweisschild zeigte. Über einen kleinen Pfad, der durch dichten Wald führte, kam man von dort aus ans Ziel: „Cal Clown“ verzauberte einen auf den ersten Blick. Doch wie alle märchenhaften Orte hatte auch dieser etwas Düsteres, das verborgen lag.

Ein Monat lang würde ich hier fünf Tage die Woche für acht Stunden am Tag zur Schule gehen. Unsere Lehrerin war eine Hexe, im unangenehmen Sinn des Wortes. Wir waren gefangen wie Hänsel und Gretel, mussten zusätzlich zur Ausbildung, für die wir zahlten, in Haus und Garten arbeiten und ihr jeden Handgriff abnehmen. Ihre fünf Hunde durften jederzeit überall hin. Kam einer davon während des Unterrichts ins Zirkuszelt, wurde der Unterricht abgebrochen und alle mussten den Hund begrüßen. Selbst, wenn wir gerade in einer Improvisation waren und szenisch arbeiteten. Es war Pech, falls sich der Hund für das Requisit interessierte, das man gerade verwendete – dann musste man es Hergeben, egal wie wichtig es für die Szene war. Trotz dieser Verrücktheit lernten wir einiges nützliches von der Hexe.

Sie brachte uns eine Meditationstechnik bei, die in die innere Stille der transparenten Präsenz führte. An den „Nullpunkt“, von dem aus der Clown agiert. Sie brachte uns nach Figueres auf die Straße, um nach ihrer Anleitung im öffentlichen Raum Übungen auszuführen und schließlich zum Schluss eine gute Stunde in unserer Clown-Figur mit den Menschen in Kontakt zu treten. Ich verdiente meine ersten fünf Euro als Clown auf der Straße, als ich einfach an einer Restaurant-Terrasse vorbeispazierte und auf die Einladung der Menschen, die mir zuwinkten, reagierte.

Eigentlich tat ich nichts, war bloß anteilnehmend an ihren Tisch getreten und reagierte vom Nullpunkt aus auf das Geschehen. Das provozierte einiges Lachen und schließlich schenkte man mir fünf Euro und schickte mich weiter.

Außerdem organisierte unsere Lehrerin uns Auftritte in sozialen Einrichtungen, eine intensive und bereichernde Erfahrung. Vor allem nach dem Auftritt, wenn wir als Clowns noch Zeit mit den Menschen verbrachten. In einem Altersheim saß ich lange bei einer neunzigJährigen. Sie erzählte mir etwas, von dem ich wegen ihres Dialektes kein Wort verstand doch mein Herz lauschte Aufmerksam. Einige Bilder tauchten in mir auf, es ging um den Tod ihrer Tochter. Ich sagte kein Wort, wir sahen uns einfach in die Augen und ich war bei ihr. Als sie fertig gesprochen hatte, weinten wir beide.

Nach einer Weile blickten wir uns wieder an, sie begann zahnlos zu strahlen. Wir lachten beide herzhaft und umarmten uns. Es hatte sich nie besser angefühlt, ein Clown zu sein.

© Miriam Strasser 2021-07-16

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