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#zauberwelt#zauberkraft#fabelwesen

Das Hilm

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Das Hilm | story.one

Es geschah in einer Vollmondnacht, vor etwa hundert Jahren. Da war ein Flecken feuchter Erde, schwarz und fruchtbar, gleich neben einem Bächlein, über das eine hölzerne Brücke führte. Über diese Brücke ging eine Hexe, die spuckte vor Zorn bebend aus und murmelte fluchend dabei: „Pfui Deibel, sind mir die Mannsbilder ein Graus! Hirnlos und herzlos schütten sie ihre Lustsäfte aus, sind danach spurlos verschwunden... Und die Magd? Die bleibt zurück-gebrandmarkt vom zweifelhaften, kurzen Glück… Was sich dann nach einigen Monaten unter ihrem Herzen beginnt zu regen, das darf es nicht geben… So werde ich gerufen, ihr diese Last abzunehmen. Verhasster Teufelsbock, der mich zwingt mein Wissen zu nutzen, um Leben zu nehmen, anstatt eben diesem zu dienen! Verflucht seist du, Unbekannter! Als Homonym sollst du weiterziehen, Geschlechtslos, um nicht noch mehr Unheil anzurichten!“

Mit diesem Fluch aus der Hexe Mund da fiel ihre Spucke auf den Flecken Erde und sickerte in seine fruchtbare Dunkelheit…

Just in diesem Moment, da wurde ein Zauber gewoben, durch der Hexe Worte verband sich unerkannt allerhand magisches: unbedacht fluchte und spuckte sie in einer Vollmondnacht an einem Zwischenort, der Brücke, über fließendem Wasser, was alleine schon gewaltiges Zauberpotential in sich barg! Nicht nur waren ihre Worte aufgeladen von knisternder, magischer Wut, unter der Brücke hingen außerdem zwei Leopardenschnecken, im Liebesspiel, an einem glänzend feuchten Faden der Lust. Als wäre das alles nicht magisch-mächtig genug, wuchsen am Ufer des Bachs auch noch weiße Nachtlilien, die gerade blühten, sodass ein unbewusster Zauberspruch wirkte, den Hexe gar nicht bemerkte, war sie doch bereits im dunklen Wald verschwunden. Aus der Spucke in der Erde begann, wie von der Hexe prophezeit, Geschlechtsloses Leben zu gedeihen…

Anfangs war es bloß ein kleiner, weißer Keim. Wie ein Samenkorn aus geballter, magischer Spucke. Langsam wuchs es heran und strahlte hell leuchtend aus der Erde heraus, das androgyne Zwitterwesen, um beim Nächsten Vollmond, gähnend und sich räkelnd, aus dem Boden zu sprießen.

Mit glänzenden Augen betrachtete es genüsslich das erste Licht des Morgengrauen, trank einige Tropfen des frischen Morgentau, rülpste zufrieden und sprach, im Brustton der Überzeugung: “Hilm!“ Dann begann es, tänzelnd Kreise um die verblühten Nachtlilien zu ziehen, dabei Lieder mit diesem Namen singend: “Hilm, Hilm, Hilm! Hilm. Hilm. Hilm.“ Vergnügt kichernd verschwand es im Wald, um den sich bald darauf eine Legende ranken sollte, in der er der “Hilmwald“ genannt wurde.

© Miriam Strasser 2022-05-16

Hexenwerk

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