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#wienerkultur#fernweh#selbstzweifel

Der Kreis schließt sich

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Der Kreis schließt sich | story.one

Die Zeit in Madrid hat meine Vorstellungskraft gestärkt, mir verschiedene Techniken des Bühnenspiels gelehrt und mir bewusst gemacht, wie wichtig die innere Bilderwelt ist. Sie macht den Körper interessant. Es war eine bereichernde aber anstrengende Zeit, in der jeder Tag der Woche minutiös durchplant war. Neben der Körpertheater Schule und dem Kurs in Butoh-Tanz arbeitete ich unter der Woche noch als Native Speaker. Ein starker Kontrast zu den Jahren der Freiheit und Spontanität davor. Danach war ich erschöpft, zum ersten Mal seit Jahren hatte ich Lust auf „zu Hause“, wollte Urlaub bei meinen Verwandten machen.

So kehrte ich im Spätsommer 2017 nach Wien zurück. Mein Geburtsort war eine andere Stadt geworden. Es fühlte sich an, wie auf einer Reise zu sein. Etwas Neues zu erkunden, das doch vertraut war. Auch ich hatte mich natürlich verändert. Diese neue Kombination aus Wien und mir fühlte sich gut an. Ich lernte einen brasilianischen Butoh-Tänzer kennen, mit dem ich zusammenarbeitete und eine Performance Gruppe gründete, deren Kern wir waren. Mit einigen gleichgesinnten Clowns trainierte ich regelmäßig im Theater Olè und schließlich gründeten wir das „International Clownlab Vienna“, einen Verein zur Verbreitung der absurden Künste. Zusätzlich machte ich die Ausbildung zur integrativen Tanzpädagogin, begann als Kulturvermittlerin zu arbeiten und mich neu in Wien zu vernetzen. Ich hielt Workshops an Schulen und anderen Institutionen, spielte immer wieder in Produktionen der freien Szene mit und entwickelte selbst Programme. Autodidakt lernte ich Videoschnitt, was mir einige Jobs einbrachte. Mein Schaffen war weitgefächert, manchmal schrieb ich auf Bestellung kreative Geschichten oder trat mit meinen eigenen auf, manchmal führte ich Regie für andere Projekte, manchmal unterrichtete ich Jahreskurse an Schulen oder gab Workshops auf Festivals… Langsam begann ich, in Wien Fuß zu fassen.

Dann kam das Jahr 2020. Es hatte eigentlich vielversprechend begonnen. Zum ersten Mal wusste ich bereits auf ein halbes Jahr im Voraus, wann ich wo arbeiten und wie viel dabei verdienen würde. Dachte ich zumindest. Doch alles kam anders als geplant. Plötzlich war ich aus der Welt gefallen. So fühlte es sich an. Der erste Lockdown brachte ein Berufsverbot für mich mit sich, das viele Monate anhalten würde. Dank der Unterstützung von Freunden kam ich finanziell über die Runden, bis ich eine Überbrückungsfinanzierung bekam. Eine chaotische, unsichere Zeit der wiederkehrenden „Lockdowns“ begann. Projekte wurden verschoben, abgesagt, begonnen und doch wieder verschoben… Verwirrung und Selbstzweifel begannen an mir zu nagen, ich hinterfragte mich und alles, was ich von der Welt gedacht hatte. Im Jahr 2021, sieben Jahre nach meinem Weggang aus Wien, fühle ich mich ähnlich verloren wie damals. „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“.

Ob es vielleicht an der Zeit ist, nach Südamerika zu gehen?

© Miriam Strasser 2021-08-10

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