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#patriarchat#frauenstimme#schöpfungsgeschichte

Feministische Genesis

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Feministische Genesis | story.one

Am Anfang war alles in Frieden. Die Menschen verehrten die groĂźe Mutter und die Frauen, welche neues Leben gebaren. Alle Menschen liebten einander, egal welches Geschlecht sie hatten. Sie lebten diese Liebe zueinander offen aus und feierten sie in Ritualen. Kein Mensch wusste, warum und woher die Kinder kamen, doch wurde das Leben und die Geburt als etwas Magisches geehrt und gefeiert. Auch der Tod wurde als etwas Magisches geehrt und gefeiert.

Die Menschen waren dankbar und drückten dies durch Verehrung aus. Der Sex war Teil dieser Verehrung. Jeden Abend versammelten sich die Menschen um ein Feuer und berührten sich gegenseitig in Achtsamkeit. Sie streichelten, massierten, küssten sich und wurden intim miteinander. Dies geschah zwischen allen Geschlechtern gleichermaßen. Die Sexualität der Menschen war Ausdruck tiefen Vertrauens und ehrlicher Zuneigung. Sie schliefen jede Nacht eng aneinander geschmiegt, um sich gegenseitig Wärme und Liebe zu geben. Jeden Morgen erhoben sie sich mit der Sonne, um gemeinsam zu singen und zu tanzen, als Ausdruck ihrer Dankbarkeit. Auch die Frauen, durch deren Körper das Leben in die Welt kam, wurden als etwas Magisches geehrt und gefeiert.

Alle Menschen kümmerten sich gemeinsam um die Kinder, die in die Welt kamen. Die Männer tranken mit ihnen die Muttermilch von den Brüsten der stillenden Frauen. Sie badeten ihr Leben lang in mütterlicher Liebe, waren friedlich und hochachtungsvoll. Es hätte ewig so weiter gehen können. Doch eines Tages erschien ein Dämon, der später „Teufel“ genannt und noch später zu „Gott“ erhoben werden sollte…

Dieser Dämon ergriff einen Mann und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist nichts Magisches daran, am Kinderkriegen! DU hast einen Anteil, trägst den Samen in dir, der den Impuls für neues Leben gibt. DU führst den Zeugungsakt aus, kannst Kinder aus deinem Samen wachsen lassen! DU kannst bestimmen, in einer Frau NUR DEINEN Samen wachsen zu lassen. Du kannst in ALLEN Frauen nur DEINEN Samen wachsen lassen, wenn Du stark und schlau genug bist! Du hast die Macht…“ Mit dem Geflüster des Dämons begann das Unheil.

Sie wurden entehrt, die Göttinnen und Hohepriesterinnen, entweiht und zu Brutkästen degradiert. Mutterschaft war nichts Heiliges, nichts Göttliches mehr, sondern eine Dienstleistung, ausgeführt von einer Dienerin. Frauen wurden mit der Zeit zu Eigentum, die Ära des Patriarchats hatte begonnen.

Wer war er, dieser „Adam“? Dieser, von Dämonengeflüster verführte, erste Knechter der Frauen? Erste Brudermörder, Begründer der Religionen, Unheilstifter? Noch Jahrtausende später leidet die Welt unter seinen Taten. Wie konnten seine Ohren den fauligen Worten des Dämons so zugeneigt gewesen sein, dass die Liebe in seinem Herz vergiftet wurde? Wie konnte er nur seine Mutter verraten? Seine leibliche Mutter so wie alle anderen Mütter seines Volkes? Welches Gift war in ihn gedrungen und hatte ihn empfänglich für das Böse gemacht?

© Miriam Strasser 2022-04-14

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