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#familie#geschwister#kindheitserinnerungen

Geschwister

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Geschwister | story.one

Die ersten paar Jahre meines Lebens war ich Einzelkind und damit der Mittelpunkt der Familie. Nicht, dass ich es einfach gehabt hĂ€tte mit meinen Eltern, die durch Alkoholismus und Abwesenheit glĂ€nzten. Es war harte Arbeit zu versuchen, sie zu erziehen. Ich tat mein Bestes, indem ich frĂŒh zu sprechen begann. Bereits mit 6 Monaten gab ich erste primitive, verbale Anweisungen, wie „heben und tragen“, untermalt mit körperlichem Ausdruck. Es funktionierte ganz gut. Mit eineinhalb Jahren war ich bereits öfters bei der Grete-Oma gewesen, die williger auf meine BedĂŒrfnisse einging. Wenn meine Mutter nicht auf mich hören wollte, verlangte ich bereits in diesem zarten Alter erbost, sie möge mir "meine Koffers" bringen, damit ich zur Grete-Oma gehen könne.

Ich war ein dramatisches Kind und wollte oft den großen Reisekoffer gebracht haben, um ihn als BĂŒhne zu verwenden. Bereits mit 2 Jahren wurde er mir regelmĂ€ĂŸig auf den Boden gelegt, damit ich ihn besteigen und fĂŒr meine Eltern performen konnte. Meistens brachen sie in kĂŒrzester Zeit in GelĂ€chter aus, beim Anblick eines 2-jĂ€hrigen Windelkindes, welches mit theatralischen Gesten in Babysprache Improvisationen zum Besten gab. Oft war das Lachen unpassend, nicht immer waren meine Performances komödiantisch. Wenn ich in der Tiefe meiner Seele nach dem großen Weltendrama suchte, und meine Eltern lachten, war ich böse auf sie. Meine theatralischen Ambitionen wurden missverstanden. Ich bekam von meiner Familie das Label „Politikerin“ verpasst. Eine grobe Beleidigung.

Mit 3 Jahren sprach ich bereits ĂŒberdurchschnittlich gut und verstand viel von der Welt. Dieses Lebensjahr war ein Wendepunkt fĂŒr mich: Ich hatte meinen ersten Vollrausch, meine erste existentielle Krise und mein kleiner Bruder wurde geboren. Er war von Anfang an ein vertrĂ€umtes Kind, das in einer eigenen Welt lebte. Anstatt zu weinen, gab er die ersten 8 Monate seines Lebens nur „WalgesĂ€nge“ von sich. Stellte man seinen Kinderwagen unter einen Baum, war er zufrieden damit, die BlĂ€tter zu beobachten und den Vögeln zu lauschen. Als er zu sprechen begann, erfand er eine eigene Fantasiesprache, die nur ich verstand. Einer seiner ersten SĂ€tze war „Ogat, fizga!“, mit der Geste einer sich öffnenden und schließenden Hand. Alle fanden das niedlich, doch niemand verstand ihn, bis ich es erklĂ€rte: „Vogel, zwitschert!“.

Ich war lange das Sprachrohr meines Bruders, der ohne mich nicht kommunizieren konnte. Oft weinte er, weil er nicht verstanden wurde. Dann musste ich ĂŒbersetzen. Warum die Erwachsenen ihn nicht verstanden, war mir unbegreiflich. Irgendwann beschwerte ich mich ĂŒber meine stĂ€ndige Dolmetscherrolle. Also legte meine Mutter, mit meiner Hilfe, ein Wörterbuch fĂŒr meinen Bruder an. Das war ein kleines Heft, in welches sie die am hĂ€ufigsten von ihm gebrauchten Wörter notierte und meine Übersetzungen dazu schrieb. Schließlich ging ich in den Kindergarten und war nicht immer da, um fĂŒr ihn zu dolmetschen.

© Miriam Strasser 2022-02-10

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