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Höhlenmenschen

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Höhlenmenschen | story.one

Am Anfang war es ein verschüttetes Loch in der Erde, später mein Zuhause. Dazwischen lagen 1 Monat Arbeit und 80 € Materialkosten. Als ich beschlossen hatte, wegen meines Clowns in Granada zu bleiben, begann die Suche nach meinem Ort – ich konnte nicht ewig Couchsurfen. Eine Zeit lang kam ich bei Freunden aus der Zirkusschule unter.

Dort lernte ich Irene kennen, also in der Zirkusschule „CAU Granada“, wo ich manchmal am „Freien Training“ teilnahm. Sie erzählte mir von ihrer Höhlennachbarschaft im „Barranco del Abogado“. Granada ist von mehreren, wilden Höhlenvierteln umgeben. Auch im Altstadtviertel gibt es „Höhlenhäuser“, legal mit Postadresse, Wasser und Strom. In den Hügeln, die die Stadt umgeben, gibt es „Wohnhöhlen“, am Rande der Legalität, ohne Wasser und Strom. Einige der wilden Höhlenviertel kannte ich bereits, doch „Barranco del Abogado“ war mir unbekannt.

Irene hatte kein Telefon, sie verabschiedete sich mit den Worten: „Es ist beim Friedhof!“, und schwang sich auf ihr Fahrrad. Eine eigene Wohnhöhle war mein Ziel, auch wenn ich keinerlei Erfahrung im „Höhlenbau“ hatte.Der Clown öffnet das Herz für Liebe und Zuversicht, beides hatte ich im Übermaß. Eines Morgens wachte ich mit dem festen Entschluss auf, Irene zu finden. Durch Granada schlendernd folgte ich meinen Impulsen. Alle sympathischen Menschen mit leuchtenden Augen fragte ich nach dem „Barranco del Abogado“, vage wiesen sie in Himmelsrichtungen. Der Weg führte mich an der Alhambra vorbei aus Granada hinaus, einen Hügel hinauf an einem Friedhof vorbei und in Serpentinen wieder den Hügel hinunter. An der zweiten Biegung blickte ich den Weg hinab und sah von unten Irene kommen. Meine Zuversicht hatte sie gefunden. Sie winkte mir zu. Gemeinsam gingen wir zu ihrer Höhle. Der Weg zur Höhlennachbarschaft war so unscheinbar, dass er mir nie aufgefallen wäre.

In relativer Nähe zu Irenes Höhle fand ich mein verschüttetes Loch in der Erde und machte es zu meiner Wohnhöhle. Dabei hatte ich tatkräftige Unterstützung von Nachbarn und lernte viel Neues, wie zum Beispiel Zement mischen für den Fußboden oder wie man einen Türrahmen macht und eine Tür einsetzt. Ich lebte gerne in der Höhle, auch wenn es täglich viel Aufwand bedeutete. Wir teilten uns zu fünft ein Plumpsklo mit Sicht auf die Sierra Nevada. Wasser wurde zur wertvollsten Ressource, es zu holen war ein Spaziergang von eineinhalb Stunden. Das Leben wurde langsamer, die Uhrzeit auf eine halbe Stunde genau vom Himmel gelesen. Trotzdem kam ich nie zu spät zur „La Estupenda“ zum clownen. Diese Schule, meine Clownskollegen und unser Lehrer bedeuteten mir viel. Seit ich etwas Spanisch verstand, traf ich manchmal auf Blockaden im Spiel, denn ich begann mehr nachzudenken als zu fühlen. Irgendwann jedoch ging mir das Herz vor lauter Liebe so auf, da fühlte ich eine bestimmte Veränderung in mir und verstand auf einer anderen Ebene.

(Damals lernte ich auch Filippos kennen, der Anfang einer anderen Geschichte).

© Miriam Strasser 2021-04-15

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