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#rucksackreisen#frauenstimme#frauenverbundenheit

II Grete Oma II

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II Grete Oma II | story.one

Als erwachsene Frau waren es meine Hände, die enkel-kindliche Liebe für die Grete Oma ausstrahlten. Mit fortschreitendem Alter war sie schwer erkrankt, die Ärzte hatten ihr nur noch einige Monate Lebenszeit vorhergesagt. Die Oma war aber eine Kämpferin, sie lebte noch viele Jahre mit ihrer schweren Krankheit.

Oft war sie im Krankenhaus, doch kämpfte sich jedes Mal wieder zurück. Bis zum Jahr 2014. Sie war im eigenen Zuhause bettlägerig mit 24 Stundenpflege betreut, lebte in einer Art Traumwelt, auch wenn sie nicht schlief. Ihr Körper war kaum noch vorhanden, schien transparent zu werden. Ich besuchte sie vor meiner Reise. Die Grete Oma schlief. Ich saß bei ihr am Bett, streichelte sie liebevoll. Es war unsere Art zu kommunizieren, basal über Körperkontakt. Wie bei einem Neugeborenen. Sie murmelte: „Gut“, ich musste lächeln, nach einer Weile, halb schlafend: „Genug“, also hörte ich auf. Kurz darauf öffnete sie die Augen, ihr Blick war klar. „Hallo Oma, erkennst du mich?“, lange schwieg sie nachdenklich.

Plötzlich lächelnd sagte sie, mit dem Zeigefinger auf mich zeigend: „Meine!“, mit größter Bestimmtheit. Ein einziges Wort. Ein Wort hatte so viel ausgedrückt, so viel Tiefe.

Zu Tränen gerührt sagte ich: „Ja, ich bin deine Enkeltochter.“ Wir fassten uns bei den Händen, blickten uns lange in die Augen. Die Grete Oma nickte, seufzte und versank wieder im Schlaf. Weinend verließ ich ihr Zimmer.

Ein paar Wochen später, in einem abgeschiedenen Dorf irgendwo im Dschungel, fühlte ich eine plötzliche Traurigkeit, die mich sehr müde machte und verwirrte. Ich ging früh schlafen, schlief schlecht, erwachte mit körperlichen Schmerzen. Machte mich auf, um nach einem Bus in die nächste größere Stadt zu suchen, wo ich in einem Hostel mit Internet eincheckte. Meine Schwester hatte mir eine E-Mail geschrieben, die Grete Oma war am Vortag verstorben. Ich hatte die Nachricht kaum gelesen, da fiel ich ins Bett und schlief für dreizehn Stunden. Im Schüttelfrost fiebernd träumte ich von der Grete Oma. Sie kam zu mir, gelb leuchtend und strahlend wie die Sonne, so glücklich und stark, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

Wir umarmten uns in einer Landschaft, die eine Mischung aus asiatischem Dschungel und österreichischen Alpen darstellte.

Die Grete Oma war gekommen, um sich zu verabschieden. Ihr Lächeln sagte mir: „Lebe!“. Als ich durch-schwitzt erwachte, war ich verspannt, aber friedlich. Mir schien, die Oma sei friedlich von dieser Welt gegangen. Das war tröstlich. Ich reiste nach Österreich, um bei dem Begräbnis anwesend zu sein. Die ganze Familie kam zusammen, Oma war jetzt eine Urne. Darüber weinte ich liebevolle Tränen. Die Vorstellung, Würmer könnten sie fressen, hatte der Oma gar nicht gefallen. Sie wollte lieber sauber zu Asche verwandelt werden, mit Grab als Gedenkort. Ich muss gestehen, ich war nur ein einziges weiteres Mal an ihrem Grab, als der Opa ihr folgte.

Mein Gedenkort für die Grete Oma ist die Erinnerung an den Traum von ihr.

© Miriam Strasser 2022-01-26

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