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#frauenstimme#patchwork#familiengeschichten

III Geschwister III

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III Geschwister III | story.one

Es stellte sich im Laufe unseres Älterwerdens heraus, dass unterschiedliche Regeln für mich und meinen Bruder galten. Das machte es mir nicht leicht, meine fürsorgliche Beschützerrolle ihm gegenüber aufrechtzuerhalten. Es galt für ihn in jeder Hinsicht mehr Nachsicht: bei der Grete Oma bekam er einen Nachtisch, auch wenn er die Hauptspeise nicht aufgegessen hatte. Wenn ich Geburtstag hatte, bekam er immer auch etwas geschenkt, was andersherum nicht so war, worüber ich mich beschwerte. Die fadenscheinige Ausrede: „Er ist noch klein, er versteht das nicht…“ empörte mich, schließlich hatte ich in seinem Alter auch viel verstanden und mich entsprechend verhalten. Ich bekam mit 10 Jahren kein Taschengeld mehr und musste bei meinem Vater arbeiten, um zu Geld zu kommen. Er bekam bis zu seinem Schulabschluss Taschengeld. Die Liste der Ungleichbehandlungen war lang. Wo mir Verantwortung auferlegt wurde, wurde sie ihm abgenommen. Schon bald bekamen wir Labels zugeschrieben: Ich galt als intelligent, doch unkreativ. Mein Bruder galt als kreativ, doch dumm. Alle meine kreativen Ambitionen wurden abgetan: „Du bist eben nicht kreativ, du bist intelligent - sei froh, daraus lässt sich etwas machen! Schau dir deinen armen Bruder an: er ist kreativ aber dumm. Was soll nur aus ihm werden?“ Wir kämpften beide lange damit, diese Prägungen loszuwerden und uns selbst vom Gegenteil zu überzeugen.

Unsere Eltern ließen sich scheiden, als ich 6 und er 3 Jahre alt war. Meine Mutter hatte einen neuen Mann gefunden, den sie unserem Vater vorzog. Er brachte 3 Kinder aus erster Ehe mit, die unsere Stiefgeschwister wurden und mit denen wir alles selbstverständlich teilen mussten, was andersherum nicht so war. Auch mein Vater fand irgendwann eine neue Frau. Zu allem Überfluss hörten meine Eltern immer noch nicht auf, sich fortzupflanzen: Meine Mutter bekam mit meinem Stiefvater Zwillinge und mein Vater zeugte mit meiner Stiefmutter noch drei weitere Kinder. Mein Bruder und ich gingen in dieser Schar aus Kindern unter. Es gab nirgends richtig Platz für uns, wir waren immer hinten angestellt und fühlten uns allein gelassen, was unsere Bindung zueinander verstärkte. Ich wurde endgültig zur „Mama“ mit all den Kindern, die noch kamen. Irgendwer musste sich ja richtig um sie kümmern und ich tat mein Bestes, sie vor den Einflüssen der „Eltern“ zu schützen.

Die Beziehungen der Erwachsenen waren alle toxisch. Nicht nur versuchte ich meine Geschwister zu beschützen, sondern auch als Mediatorin in die Konflikte der „Großen“ einzugreifen, um die schlimmsten Dramen zu verhindern. Es gab eine Menge hässlicher Übergriffe in der Familie. Meine Mutter stützte sich stark auf mich, weinte sich regelmäßig bei mir aus und klagte mir ihr Leid, um mich dann wieder zu beleidigen und abzuwerten, wenn sie betrunken war, was oft geschah. Mit 17 Jahren zog ich von zu Hause aus, um meine seelische Gesundheit zu retten.

© Miriam Strasser 2022-03-04

Geschwister

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