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#kindheitserinnerungen#mĂĽtter#frauenstimme

III Mutter III

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III Mutter III | story.one

Im Laufe meiner Kindheit begriff ich, dass die Grete Oma als Mutter ganz anders gewesen war, als ich sie als Oma erlebte. Als Mutter war sie oft grausam gewesen. Sie hatte ein schwankendes Gemüt gehabt und ihre Kinder konnten nie wissen, wie sie aufgelegt sein würde, wenn sie auf sie trafen. Ihre groß-mütterliche, authentische Sauberkeit war als Mutter eine neurotische gewesen. Hatte sie zum Beispiel gerade die Toilette geputzt, durfte die für einige Stunden kein Mensch verwenden. Wenn eines ihrer Kinder doch aufs Klo musste, weil es seine Notdurft nicht mehr halten konnte, gab es Geschrei und Schläge.

Ihre Enkelkinder hat die Grete Oma nie geschlagen und es kam selten vor, dass sie schimpfte. Als Mutter hatte sie diese liebevolle Gelassenheit nicht gehabt... Meine Mutter wurde manchmal so verprügelt, dass die Nachbarn von der anderen Straßenseite herüber mit der Polizei drohten, weil sie sich vom Lärm gestört fühlten. Ohrfeigen gab es auch für den Wunsch nach Privatsphäre, die Tür zum Zimmer meiner Mutter musste immer offen bleiben, wer nichts Schlimmes vorhat, hat auch nichts zu verbergen... Ebenso bestraft wurde der Wunsch nach Aufklärung: „Der Storch bringt die Kinder“, „Das glaube ich nicht…“, einige Ohrfeigen beendeten das Gespräch. Die Liste grausamer Übergriffe ist lang. Es sind wenig schöne Erinnerungen, die meiner Mutter halfen, ihre Kindheit zu überstehen. Schadlos kam sie nicht davon, der Schmerz, den sie mitnahm, führte sie in den Alkoholismus. Der prägte auch meine Kindheit.

Bereits mit 3 Jahren hatte ich meine erste existentielle Krise. Die Welt schien mir undurchschaubar chaotisch, doch bis dahin hatte ich darauf vertraut, meine Eltern würden sich auskennen und darin navigieren können. Als mir aber bewusst wurde, dass sie genauso wenig Ahnung hatten wie ich, bekam ich die Krise. Es schien mir unausweichlich, dass wir in dem Chaos untergehen würden, sollte ich nicht schnellstmöglich navigieren lernen. Zu allem Überfluss hörten meine Eltern nicht auf, sich fortzupflanzen… Ich war entsetzt, als mein Bruder geboren wurde. Er war winzig, hässlich und hilflos. Obwohl ich eifersüchtig war, sah ich es als meine Aufgabe an, mich um ihn zu kümmern. Die Erwachsenen waren schließlich verloren und unzurechnungsfähig. Als mein Bruder zu sprechen begann, sagte er zu mir „Mama“. So war ich, mit 4 Jahren, offiziell zur Mutter ernannt worden. In ihrer Verworrenheit konnten sich die Erwachsenen nicht erklären, warum mein Bruder mich „Mama“ nannte. Sie versuchten ihm beizubringen, wer die „Mama“ war, doch er blieb unbeirrbar. Er war ja ein Kind und sah die Dinge noch entsprechend klar.

Da ich bemerkte, dass es die Erwachsenen beunruhigte, versuchte ich meinem Bruder die Verwendung der Wörter zu erklären. Ich erreichte immerhin, dass er unsere Mutter zumindest „andere Mama“ nannte. Damit konnten sich die Erwachsenen zufriedengeben. Ich blieb trotzdem die „Mama“. Auch für die Kinder, die noch kommen sollten…

© Miriam Strasser 2022-02-02

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