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#kaffee#katharsis#vonherzzuherz

Alles Liebe, mir!

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Alles Liebe, mir! | story.one

Noch eine Dreiviertelstunde. Dann ist der Tag geschafft. Ich habe mein Glas Cola-Whiskey vor mir stehen. Alle Nachrichten von Franzi sind abgehört. Wieso ich dabei mit ihr gelacht und geschmunzelt habe, bleibt mir selbst am unverständlichsten. Ich hebe mein Glas, der Besuff kann beginnen. Katharsis auf die harte Tour. “À votre santé! Glückwunsch zum Dreijahrigen. Und alles Liebe, mir!”

Nachricht am Handy. “Du denkst eh dran, mich morgen früh abzuholen?”, schreibt meine Kollegin und Freundin. Was zum…?! Ich schau in den Kalender. Dreck! Tatsächlich. Morgen fahren wir nach Ungarn zum Zahnarzt. Dachte, das wäre erst am Freitag. Ich starre auf das Glas in meiner Hand. Die Eiswürfeln klimpern fröhlich. Bei allen Göttern - nie war mir mehr danach, ein Glas und dessen Geschwister hemmungslos zu leeren wie in diesem Augenblick. Ich seufze. Dann kippe ich den Fusel in den Ausguss und mache mir Kaffee. Ich kann nicht mit Restfetten autofahren. Einmal im Jahr an meinem Geburtstag besaufe ich mich hemmungslos. Zwei Flaschen Rotwein, eventuell ein paar Cola-Whiskey zum Abrunden. Und ich schreibe an diesem Tag alles weg, was an Seelen- und Herzgerümpel an Stolperfallen bildet. So schaffe ich dann ein weiteres Lebensjahr eingermaßen seelenstabil. Zwei Jahre schon bin ich nun nicht zu meiner Katharsis gekommen. Es ist wie verhext. Und heute wird - quasi außertourlich - auch wieder nix daraus.

Kaffee - wie lieb ik dir! Ich freu mich auf den Pappenschlosser. Er ist ein feiner Kerl, und er tut mir nicht weh. Aber mehr noch als auf ihn freue ich mich auf Erika, seine Assistentin. Erika ist ein stiller Mensch. In ihrer Nähe fühle ich große Traurigkeit, Einsamkeit, Herzschmerz. Und ihr Blick erzählt ganz wortlos von einem gebrochenen Herzen. “Erika, was macht die Liebe?”, werde ich sie, wie immer, fragen. Und Erika wird - wie immer - einmal laut auflachen und mit ungarischem Einschlag sagen: “Die Liebe … macht Kummer.”

Es gibt wenige Menschen, die ich so gern mag wie sie. Menschen, die mich berühren dürfen, wie sie es manchmal tut, wenn sie sich zu mir aufs Sofa im Wartezimmer hockt, ganz nah, und ihr Bein dabei gegen meines drückt oder sie ihre Hand auf meinen Unterarm legt, wenn sie mir die Rechnung erklärt. Erika ist ein schöner Mensch. Was sie so schön macht? Ihre Traurigkeit, die sie umgibt. Es klingt verrückt, aber sie hat denselben Takt wie die meine. Und so schwingen wir immer eine Weile gemeinsam, ohne viel zu sprechen dabei, bis ihre Traurigkeit und meine Traurigkeit in Summe ein wenig Herzwärme ergeben. Ich seufze.

“Übrigens: Erika gibt es nicht mehr.”, schreibt meine Freundin, als ahnte sie, was ich denke. “Himmel, Arsch und Kruzi-Türken!”, schimpfe ich da laut vor mich hin. Heut ist aber auch ein Scheiß-Tag! "Erika! Meine schöne, traurige Erika.", flüstere ich wehmütig. Und ich blicke sehnsüchtig auf die Flasche Whiskey im Schrank.

Und ich zitiere halbleise Wilhelm Busch: "Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör!"

© MISERANDVS 2021-04-07

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