skip to main content

Die Schweizermacherin

  • 228
Die Schweizermacherin | story.one

Manche Vorstellungen sind so unwirklich, dass sie besonders klingen.

Schon als kleines Mädchen zog es mich in Bibliotheken. In späteren Jahren kam der Wunsch auf, auf einem Amt oder ähnlicher Einrichtung mein berufliches Dasein zu fristen. Etwas Ruhiges, etwas Genaues, etwas Verantwortungsvolles zu arbeiten.

2006 hatte eine von mir höchstpersönlich verfasste Bewerbung in die Schweiz, ungeahnte Auswirkungen auf meinen heutigen Ehemann – und mich. So stand ich 2007 vor genau dieser Flagge. Es war ein kalter Novembertag in der Kreditabteilung einer Bank in Berlin.

Nachdem mein erster Umzug mich genau zwei Straßen der elterlichen Wohnung entfernt hatte, hieß es jetzt, von Berlin nach Zürich, ziehen. Die Mietwohnung suchte ich im Internet und schickte meinen bereits vor Ort tätigen Mann, dorthin. Diejenige, die immer alles genau nahm, konnte nicht mal selbst die zukünftige Wohnung und Ort inspizieren …

Die Schweiz machte es mir nicht einfach. Und ich ihr auch nicht. Die Vielsprachigkeit der Eidgenossen und deren Zurückhaltung brachten mich die ersten Jahre schier zum Verzweifeln. Bewaffnet mit einem Ausländerausweis, den ich nie haben wollte und den nicht immer positiven Erfahrungen, die mit ihm einhergingen, fand ich nach und nach meinen Weg.

In zwei Konzernen tätig, sah ich aus meinem Büro auf Berge, Kühe und Paragleiter. Traf im Winter in der Bahn auf Skifahrer. Konnte in einem anderen Büro aufs Schweizer Fernsehen spucken und erkannte den Wetterfrosch nicht, wenn er neben mir speiste. Schlug in einem Team-Camp in Basel-Land Holzbalken in zwei und baute Lego-Türme im Thurgau.

Ich lernte das wunderbare Zürich zu lieben, das Luzern am Vierwaldstättersee sehnsuchtsvoll zu vermissen. Dass man auch von einem Alphorn umgerissen werden kann. Den Vorteil zu schätzen, nahe eines der schönsten und besten Flughafens der Welt zu wohnen. Das italienische Flair des Tessins bezauberte mich im ersten Atemzug, und mittlerweile war ich auch auf Thomas Manns Zauberberg in Graubünden.

Mit einer Arbeitskollegin besuchte ich vor einigen Jahren das Schweizer Musical io senza te. Der Sänger Ritschi spielte eine der Hauptrollen. Meine Kollegin ist ein großer Fan von ihm. Meinte, dass der total okay wäre und sie ihn kennt. Ganz ernst habe ich dies nicht genommen. Stand wie ein Groupie mit ihr nach der Vorstellung draußen und wartete. Ritschi steckte meiner Kollegin die Kopfhörer seines MP3 in die Ohren und ließ sie aktuelle Studioaufnahmen hören. Auch das ist die Schweiz …

Und nun sitze ich hier. Verfasse diese Zeilen. Seit über einem Jahr arbeite ich einer öffentlichen Einrichtung – in den gewohnten Finanzen. Wenige Meter neben meinem verglastem Büro ruft die Limmat, in den unteren und öffentlichen Katakomben die „Welt der Bücher“ und auf meiner Etage sitzt ein Teil der zahlreichen Fachreferenten.

Manchmal werden aus Vorstellungen eine Wahrheit, mit derer man nie gerechnet hat, an einem Ort den man nie auf der Lebenskarte hatte …

© Moana 2021-04-08

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.