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Fernweh in der Geldbörse

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Fernweh in der Geldbörse | story.one

In meiner Geldbörse befinden sich nicht nur dutzende Zettel, Kundenkarten, die man niemals wieder braucht und süße Fotos aller Altersstufen der Nichten und Neffen, sondern auch ausländische Geldscheine. Fein säuberlich zusammengelegt und in einem eigenen Fach untergebracht. In diesem Fach findet man Schillinge aus Tansania, Rupien aus Sri Lanka, Dollars aus den USA, Ngultrums aus Bhutan, Dirham aus den Arabischen Emiraten und viele mehr.

Goethe schrieb

“Willst du immer weiter schweifen?

Sieh, das Gute liegt so nah.

Lerne nur das Glück ergreifen.

Denn das Glück ist immer da.”

Stimmt schon. Dennoch, Reisen bereichert das Leben nun mal ungemein. Seit gut einem Jahr sind wir mehr oder weniger zum zu Hause bleiben verpflichtet. Meine letzte große Auslandsreise war Sri Lanka im Jänner 2020. Mittlerweile erreichen uns vom damaligen Fremdenführer Hilferufe – er kann sich die Raten für seinen Tourbus nicht mehr leisten, weil die Touristen ausgeblieben sind. Meine Geldscheine sind nicht nur Glücksbringer, sie erinnern mich auch an all die wunderbaren Reisen, die ich bereits machen durfte. In der Erinnerung schreite ich dann wieder durch die Hallen des bhutanischen Klosters Tempels Taktsang, das auf dem Geldschein für 5 Ngultrum abgebildet ist. Ich laufe wieder mit den Affen um die Wette im Tempel in Sri Lanka und meine Nichte verfüttert jauchzend Bananen an die frechsten unter ihnen. Ich stehe wieder vor dem Burj Kalifa, völlig unfähig zu begreifen, dass der Turm oben auch wieder ein Ende hat und Menschen das gebaut haben. Ich laufe mit einem Kaffeebecher durch die Straßen von New York und möchte am liebsten ewig weiter gehen, weil ich nicht genug bekommen kann von dieser Dynamik, dieser Stimmung, diesem unbändigen Optimismus. Ich finde in die Ferne schweifen gut. Es ist ein kleiner Urlaub für die Seele. Mittlerweile versuche ich hin und wieder das Smartphone aus der Hand zu legen und statt eines Fotos ein Gefühl in meine Erinnerung einzubrennen. Ich möchte mich auch später noch daran erinnern können, wie es sich angefühlt hat, die Treppen zum Tiger’s Nest in Bhutan zu erklimmen, wie die Kirschblüten in Kyotos Parks gerochen haben, wie der Eintopf auf den Straßen Kolumbiens gerochen hat und wie sich das Zwitschern der Vogel in den Nationalparks von Costa Rica angehört hat. Bis wir wieder reisen dürfen, trage ich all diese Reichtümer in meiner Geldbörse mit mir und muss nur kurz das Papier des Geldscheines zwischen meinen Fingern reiben, um gleich wieder dort zu sein.

© Monika Hohenecker 2021-05-04

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