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#kreativdasein

Eis schmelzen

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Eis schmelzen | story.one

“Zu kalt da draußen.”

Eingekauert sitzt er neben mir auf seinem wuchtig weichen Sofa, den Blick auf das Kaminfeuer vor uns gerichtet. Hinter uns schläft sein Garten, aus den bodennahen Erkerfenster fällt fahles Winterlicht auf uns. Zwei Birken umarmen sich in Hausnähe, eine andere verkümmert alleine in der Nähe des Nachbarhauses. Eine rotgelbe Kinderschaukel bewegt sich leicht im Wind, anrührend schief verdreht hängt sie im Walnussbaum. Der Seerosen-Naturteich liegt im Eisschlaf. Auf der Oberfläche des Eises bildet sich das Karomuster des Schutznetzes in eindrucksvoll präziser Gleichmäßigkeit ab. Ein Holzsteg, der über den Teich führt, endet kurz vor der Terrassentür.

So viel Eis. Kälte im Rücken. Noch tiefer hineinsinken in die wärmenden Sofakissen. Die Hände spielen mit den femininen Rundungen der warmen, blau-weißen Kaffeetasse. Lange Augenblicke versinken in der tanzenden Feuerbrandung.

Erinnerungen an schwierige Zeiten, an momentane Herausforderungen spült es an unsere gedanklichen Oberflächen. Etliche alte Eisschichten der Vergangenheiten, aus Zeiten der Kälte schmelzen in der Hitze des Feuers. Dicke, schwere Brocken, einen nach dem anderen, werfen wir hinein, in dieser tiefen Feuerstille. Nur kurz dauert es an, das Zischen, Knistern, das Aufseufzen in der Asche. Zu heiß das Feuerbad, es bleibt unbeeindruckt ob des Eisregens. Das genussvolle Nippen an der Kaffeetasse unterbricht das Spektakel des Eisdampfens. Der treue Begleiter lässt seinerseits Dampf ab, verführt uns zurück in die herbsüße Sinnlichkeit des Moments.

Hat Eis einen Duft?

So lange werfen wir Eisbrocken, bis sich die Musik in ihrer zauberhaften Großzügigkeit erbarmt, unsere eisschweren Wintergehirne auf einen Schlag zu leeren. Unser Geist, unsere Körper nehmen die frischen Schwingungen und Rhythmen dankbar auf. Der Groove klopft beharrlich an die lockere Eisdecke, bis das eingefrorene Netz der Gedanken reißt und frisches Quellwasser hervorsprudelt. Er entführt uns zärtlich sanft mit Harfenklängen und akustischer Gitarre in den Frühling, dann kräftig wärmend mit Schlagzeug und Bass mitten hinein in den Sommer. Ich genieße das spielerische Ausprobieren der Rhythmen am Schlagzeug, die Bewegungsfreiheit, die spontane Ganzkörperchoreographie während der Improvisation. Immer wieder ein spontanes Auflachen, wenn etwas im Wirbel des Moments zusammenfindet und sich im Miteinander des Spiels der weite Raum öffnet.

Kein Anspruch, kein Ziel, keine Aufnahme, kein Festhalten. Nur lebendiges Dasein spüren im Meer der Musik. Nackt baden in der Fülle, mitten im Winter einen Herzenssommer zelebrieren. Auf dem See dieser geschmolzener Eisschichten frische Seerosen blühen lassen.

Die feinen Blüten des Mooses bleiben durch den Schnee auf ihnen unberührt, sie schmiegen sich mit ihrer warmen Lebenskraft in die Kälte und tanzen sich in die kleinsten Hohlräume hinein.

Das zarte Moos lebt seinen Sommer mitten im Winter.

© Musenzeit 2021-01-13

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