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#angst#zahnarzt

Die Angst

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Die Angst | story.one

Die Angst steckt im Schild unten am Eingang. Das bunte Logo, das Farbe in die weiße Hölle bringen soll. Aber eigentlich hockte sie auch heute morgen schon in meiner Kaffeetasse, als ich wusste, dass ich da anrufen und einen Termin ausmachen musste. Eingeschoben werden musste. Weil da Schmerzen waren. Da hat die Angst schon fies gelächelt und den Kaffee bitter gemacht. Die Angst hockt auch hinter der Eingangstür, in dem Geruch, der einem entgegenkracht, wenn man die Praxis betritt. Einen Moment zögert man und denkt: Renn! Aber man bleibt. Wegen der Schmerzen. Und überhaupt, wer rennt schon davon? Ich doch nicht. Aber die Angst bleibt. Sie lugt höhnisch lachend hinter der Dame mit dem strahlend weißen Lächeln an der Rezeption hervor. Die mich dann ins Wartezimmer schickt, wo die Angst auf gemütlich anmutenden Sofas hockt und einlädt wartend zu entspannen. Aber die Angst entspannt nicht, sie spannt alles an, was anzuspannen geht. Die Ohren und auch den linken kleinen Zeh. Den besonders.

Die Angst ruft den eigenen Namen und hängt mir eine Bleischürze um die Schultern. Dann schiebt sie mir ein Röntgengerät in den Mund, drückt Knöpfe und schaut zu, wie sich alles um mich herum dreht und bewegt. Mich auslacht.

Dann sitzt die Angst breit und groß auf dem Untersuchungsstuhl im Sprechzimmer. Sie leuchtet mir mit grellem Schein ins Gesicht. Sie winkt mit Bohrern, Spiegeln und Sauggeräten und ruft fröhlich: Jetzt geht's los! Und dann geht es los.

Und da hockt sie dann, die Angst. Auf dem Sessel neben mir und schaut zu. Sie wird kleiner, denn ich atme ruhig. Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr vor und nicht zurück kann. Nur noch hier sein in diesem Moment, den aushalten und durchstehen. Und das gibt mir Kraft, so wie alles, was unveränderbar ist. Ich schlucke und atme. Ich kneife die Augen zusammen und drücke meine rechte Hand in meine linke. Ich spüre meine Blase, aber die muss jetzt warten. Ich denke an schönes. An die Donau. An den Tag, als ich ins Wasser gegangen bin. Mitten im Winter. An die kalte Stille im Wasser. Und an das warme Lachen, als ich wieder herauskam. Das gibt mir Kraft und die Angst ruft noch einmal verzweifelt: "Hilfe! Jetzt bleib doch und hab Angst!" Aber wenn ich keine Angst mehr habe, dann kann sie nicht mehr da sein. Dann muss sie weg. Und ich lächle müde und stehe auf. Ich habe sie besiegt.

An der Rezeption zahle ich den Preis für diesen Sieg. Und als ich einen neuen Termin ausmache, scheint es mir, als würde ich in den Augen der Dame mit dem strahlend weißen Lächeln etwas aufblitzen sehen. Etwas Bekanntes. Und ich ahne, dass wir uns wiedersehen werden. Sie und ich. Und auch die Angst.

© Nadine Hilmar 2021-01-07

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