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#weltbleibwach

Hey Küken

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Hey Küken | story.one

Ich war vierzehn als mich dieser Zug überrollte mit dem die Nachricht kam, dass Du nicht mehr lebst. Zwei Wochen später wurde eine Holzkiste in die Erde gelassen von der ich nur annehmen konnte, dass es Dein Körper war, der darin lag. Gesehen habe ich Dich darin nicht. Das tut man nicht mit Unfallopfern.

Kurz darauf wurde unser Zimmer zu meinem Zimmer, wurden Deine Sachen zu meinen und mein Leben kleiner, kantiger und schwerer. Von Trauer hatte ich keine Ahnung, also lebte ich nun irgendwie in einer Welt ohne Dich weiter. Glaubte ich.

Als ich meinen ersten Sohn zur Welt brachte, rief ich glücklich alle in der Familie an um ihnen von diesem freudigen Ereignis zu berichten. Nur Du fehltest in der Reihe der Telefonate. Es schmerzte und nicht so ganz zum ersten Mal aber dafür umso bewusster spürte ich, dass dies keine Welt ohne Dich war. Es war eine Welt, in der Du immer da, aber nie hier sein würdest. Diese Erkenntnis knotete sich eng um meine Brust und die Trauer, die ich mit vierzehn nicht gelebt hatte, kam mit diesem alten, knattrigen Schnellzug nun auf mich zu gerast und blickte mir tief in die Augen. Ich blickte zurück und ahnte: Wenn ich jetzt den Blick abwenden würde, zur Seite springen, dann würde der Zug vielleicht vorbei rasen. Aber er würde wiederkommen. Immer wieder. Also hielt ich ihn an und stieg ein. Drinnen war es dunkel, staubig und kalt. Ich zitterte. Der Zug ratterte durch die Landschaft, die ich nicht sehen konnte. Ich ließ mich auf einer alten Holzbank nieder und legte den Kopf in die Hände. Da spürte ich plötzlich etwas Warmes auf der Schulter. Eine Hand, die dort jemand hingelegt hatte um zu sagen: Ich bin hier. Und ich wusste, dass Du es bist. "Hey Küken." flüstertest Du mir ins Ohr. Ein Schütteln durchfuhr meinen Körper, der längst nicht mehr zitterte. Wärme stieg in mir auf.

"Wieso bist Du nicht schon früher gekommen?" fragte ich Dich.

"Ich habe gewartet, bis Du mich gerufen hast." Ich schwieg, nickte vorsichtig und verstand. Der Zug war oft genug an mir vorbeigerattert. Sofort wollte ich Dir von meinem Leben erzählen, alles, was passiert war in den letzten fünfundzwanzig Jahren. Doch Du hast nur gelächelt und gesagt: "Ich weiß. Ich war ja immer da. Nur nicht hier." Mein Leben raste an mir vorüber. All das hattest Du gesehen? Alles? Auch das Jetzt, in dem ich so verloren umherirrte und mich selbst nicht mehr kannte? "Auch das." sagtest Du leise. "Das war ganz schön viel." fuhrst Du fort und ich weinte.

"Aber wenn Du sehen könntest, was vor Dir liegt, würdest Du aufspringen und loslaufen!" riefst Du etwas lauter und ich schrie verzweifelt: "Aber wie?"

"Das kann ich Dir nicht sagen." war Deine leise Antwort. "Es ist ja Dein Weg und Du allein musst ihn gehen. Aber ich werde ihn mit Dir gehen, wenn Du magst." Und zum ersten Mal konnte ich ihn sehen, diesen Weg. Zum ersten Mal wusste ich, dass ich allein es war, die ihn gestalten durfte. Dass das ein Glück war. Und zum ersten Mal fühlte ich mich nicht allein dabei.

Der Zug hielt. Ich stieg aus und ging los.

© Nadine Hilmar 2019-12-08

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