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Der kritische Blick

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Der kritische Blick | story.one

Neles Begeisterung für das südliche Afrika war auch mit der fünften Reise weiter gewachsen. Einmal wieder bereiste sie Namibia und fuhr auf der letzten Etappe den Caprivi-Zipfel entlang.

Begegnungen mit Menschen hält Nele gern mit Fotos in Erinnerung. Ihre entsprechende Bitte wurde nie abgelehnt. Die Menschen stimmten freudig zu und fühlten sich wertgeschätzt, wenn sie sie fotografierte.

Die "Models" hatten meistens viel Spaß daran, zu "posen". Viele Gesichter lächeln von der Porträtwand, die im Laufe der Jahre in Neles Wohnung entstanden ist.

Aber etwas Wichtiges fehlte. Nele hätte den Fotografierten gern ihre Porträts geschickt. Aber die meisten hatten weder Handy noch Email. Freunde gaben ihr den Tipp, künftig eine Instant-Kamera mitzunehmen. Super Idee!

Nach den digitalen Fotos machte Nele nun Instant-Aufnahmen. Gespanntes Warten, bis die Fotos sichtbar wurden, dann Freude und noch strahlendere Gesichter als auf den Fotos.

In einer Situation ist Nele allerdings kurzfristig die Luft weggeblieben. Als sie in einer Unterkunft die gesamte Belegschaft um ein Gruppenfoto bat, waren die Lichtverhältnisse schlecht, das Instant-Bild wurde sehr dunkel. Beim Betrachten des Fotos meinte die weiße Kollegin zur einheimischen Mitarbeiterin: "Gut, dass du gelacht hast und deine weißen Zähne zeigst, sonst würde man dich gar nicht sehen". Großes Gelächter, alle fanden die Bemerkung komisch.

In der Nähe von Kongola besuchte Nele ein Living Museum. Einheimische zeigten hier, wie ihre Vorfahren lebten und arbeiteten. Nach den Vorführungen durfte Nele Fotos machen. Wieder einmal mit viel Spaß für alle Beteiligten. Eine ältere Frau saß etwas abseits und fädelte winzige Perlen auf. Sie war Nele bereits während der Darbietungen aufgefallen, weil sie das Geschehen aus dem Hintergrund verfolgte. Nele suchte den Blickkontakt mit ihr. Als die Frau den Kopf hob, sah sie Nele mit unbewegter Miene an. Ernst, jedoch nicht abweisend.

Ein Mann hatte die Szene beobachtet. Er ermunterte Nele, die alte Frau zu fotografieren. Nele zögerte, war unsicher, versuchte, der Frau mit einem Lächeln näherzukommen. Sie erwiderte den Blick, zunächst ohne Regung. Aber dann hob sie ganz leicht die Augenbrauen und nickte fast unmerklich. Nele hatte ihr Einverständnis bekommen. Als sie ihr das Instant-Bildchen gab, sah die alte Frau verständnislos auf die schwarze Fläche. Schaute Nele fragend an. Nele gab ihr zu verstehen, dass sie etwas warten müsste. Als das Foto sichtbar wurde, schaute die Frau staunend in ihr eigenes Gesicht, wiegte kritisch den Kopf, hielt das Foto näher vor ihre Augen, studierte jedes Detail. Und dann lächelte sie. Ihr Antlitz, das sie vermutlich zum ersten Mal sah, gefiel ihr. Das war offensichtlich. Sie war so vertieft in ihre Betrachtung, dass Nele sie nicht stören wollte und ohne Gruß ging.

© NeleChryselius 2020-07-09

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