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#physik#astrophysik#spacecamp

Kapitel 1

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Kapitel 1 | story.one

Ava starrte schon eine ganze Weile auf den Schlüsselbund in ihrer Hand. Er wog schwer und fühlte sich warm an auf ihrer Haut, da sie ihn bereits seit einer halben Stunde immer wieder von einer in die andere Hand schob. Sie stand im stillen Hausflur und hatte sich bisher noch nicht überwinden können, die Tür zur Wohnung aufzuschließen, in der sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter wohnte. Ihre Gedanken kreisten während der einsamen Minuten im Flur immer wieder um das, was heute in der Junior High vorgefallen war.

Es war einer der schrecklichsten Tage gewesen, die Ava jemals erlebt hatte. Sie konnte nicht nach Hause, weil ihre Mutter sofort bemerken würde, dass etwas nicht stimmte. Sie würde Ava Fragen stellen, die sie nicht beantworten konnte, was dazu führte, dass Ava wieder weinen würde, und das konnte sie jetzt nicht ertragen. Doch wie sollte sie ihrer Mutter erklären, dass sie nicht darüber sprechen konnte? Wie sollte sie ihr begreiflich machen, dass sie …

Ihre Gedanken verstummten, als mit dem Klicken des Lichtschalters ihre Umgebung in völlige Dunkelheit getaucht wurde. Das Licht war nun schon zum dritten Mal ausgegangen und jedes Mal war da nichts als ohrenbetäubende Stille. Keine Geräusche drangen an ihre Ohren, sie konnte nichts vor oder neben sich erkennen. Ava fragte sich, ob es die gleiche Art von Stille war, die man auch im Weltall wahrnehmen konnte. Sie hatte einmal gelesen, dass das Universum ein fast perfektes Vakuum und das All größtenteils leer war, weshalb man seinen eigenen Schrei nicht hören konnte. Die Stimme hatte so keine Chance, sich auszubreiten.

Vorsichtig tastete sich Ava an der rauen Wand entlang und betätigte den Lichtschalter erneut. Ein fünftes Mal, das nahm sie sich fest vor, würde sie ihn nicht einschalten, denn vorher musste sie endlich über ihren eigenen Schatten springen und die Wohnung betreten. Auch wenn sich alles in ihr sträubte, musste sie sich einen Ruck geben, denn wenn sie nicht hier draußen übernachten wollte, blieb ihr keine andere Möglichkeit.

Ava verharrte für einen kurzen Moment reglos vor der Tür, ehe sie einen tiefen Atemzug nahm und ihren Rücken durchdrückte. Ohne einen weiteren Gedanken an ihre Angst zu verschwenden, schloss sie die Tür auf und schlüpfte hindruch.

© Nina Dont 2022-07-29

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