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#stille#australien#naturerlebnis

Ruhestörung im australischen Kings Canyon

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Ruhestörung im australischen Kings Canyon | story.one

Ich stehe an der Klippe des australischen Kings Canyon und bewundere die umwerfende Natur, die sich mir darbietet. Mit allen Sinnen sauge ich jede Einzelheit in mich auf: die leuchtend rote Farbe der Felsen, der wohltuende Duft der Eukalyptus-Bäume, der durch eine sanfte Brise in regelmäßigen Abständen zu mir getragen wird, die für Stadtkinder ungewohnte Stille, die so mächtig ist, dass es mich beinahe in den Ohren schmerzt. Der Ruf eines exotischen Vogels erinnert mich daran, dass die Welt noch Laute hervorbringen kann. Ich schaue mich nach ihm um, doch er hält sich versteckt in einem der wenigen Sträucher, die wie ein Lebensbeweis trotzig aus dem dicken Felsgestein emporwachsen. Revoluzzertum ganz nach meinem Geschmack.

Urplötzlich ist die Idylle vorbei: Eine große Touristengruppe ist im Anmarsch. Tölpelhaft und rücksichtslos grölen sie in die Schlucht hinein, um ihr eigenes Echo widerhallen zu hören – was für eine Hybris an einem für Aborigines heiligen Ort. Der Vogel fliegt verschreckt von den Eindringlingen davon. Ein Jugendlicher ist offenbar gelangweilt von der Wandertour: „Schon wieder ein Felsbrocken, der genau wie alle anderen aussieht.“ Er zückt sein Handy aus der Tasche und schießt schnell ein Selfie, um für die Nachwelt festzuhalten, dass er bei den langweiligen Felsbrocken war. Dann spielt er in voller Lautstärke Hip-Hop-Musik ab. Die anderen Gruppenmitglieder finden Gefallen daran und fangen an, zu tanzen.

Könnte ich auch fliegen, ich wäre schon längst weg. Doch stattdessen stehe ich wie angewurzelt am Rande des Abgrunds und frage mich, wo in dieser Gesellschaft nur der Sinn für Ruhe und natürliche Schönheit geblieben ist. Es ist wohl die Angst davor, mit sich selbst alleine zu sein, denn in einem Moment der Stille ist man dazu gezwungen. Wir haben in der heutigen Zeit viel zu sagen und sagen doch so wenig. Endlich löse ich mich aus meiner Schockstarre und wende mich von dem Lärm ab. Ich ziehe weiter und tauche wieder ein ins stille, rote, – wie ich finde – sehr individuelle und facettenreiche Felsenmeer.

© Nina Waldkirch 2021-04-01

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