skip to main content

Der verhinderte Schriftsteller

  • 155
Der verhinderte Schriftsteller | story.one

Muss man einige Wege versuchen, bevor man den richtigen findet? Viele junge Menschen schreiben schw├╝lstige Gedichte und holprige Prosa, nur wenige schicken diese dann aber auch Verlagen. Ich habe das gemacht und kann mich auch noch an eine Antwort erinnern, die mich tats├Ąchlich etwas bedr├╝ckt hat: "Sie werden noch lange brauchen, bis Sie ein gutes Gedicht schreiben k├Ânnen."

Trotzdem habe ich die Idee weiterverfolgt. Gemeinsam mit zwei Freunden habe ich sogar eine Lesung veranstaltet, wo wir uns alle drei als zuk├╝nftige Schauspieler mit der Rezitation fremder Texte produzierten (alle drei fielen wir ├╝brigens beim selben Termin am Reinhardt-Seminar durch) und auch eigene Texte lasen. Es gab freundlichen Applaus, wobei wir schon damals nicht so recht einordnen konnten, ob dieser Beifall der Leistung geschuldet war oder doch der Freundschaft, da wir durchwegs Freunde zu dieser "Soiree" einluden. Es blieb auch bei diesem einen Auftritt. Der eine Freund wurde dann bildender K├╝nstler, der andere Universit├Ątsprofessor und ich eben Lehrer.

Ganz wollte ich mich damit nicht gleich abfinden, und ich erinnerte mich wieder an Andr├ę Heller, der ja seine Karriere bei ├ľ3 begann. Eine gute Mischung aus Schriftsteller und Schauspieler: Als Redakteur konnte man Geschichten produzieren und Moderator wollte ich nat├╝rlich auch unbedingt sein.

So sprach ich ein paar Moderationen auf meinen Kassettenrekorder und schickte das Band an ├ľ3. Die Antwort war wieder niederschmetternd: "Sie haben eine unangenehme Stimme und kommen daher als Moderator nicht infrage." Da es f├╝r mich undenkbar gewesen w├Ąre, nur im Schatten der Redaktion zu sitzen, gab ich auch diese kreative Berufsidee wieder auf.

Ich brauchte eine B├╝hne und ich wollte meine Texte eigentlich auch selbst schreiben. Neben all diesen Aktivit├Ąten verlief mein Studium ├╝berraschend schnell, wobei ich zu den Lehramtsf├Ąchern Deutsch und Philosophie/Psychologie auch noch Geschichte dazu nahm. So befand ich mich mit 25 Jahren im sogenannten Probejahr. Mir wurde auch gleich eine Klasse in Geschichte anvertraut.

Wie bringt man Sch├╝lerInnen mittelalterliche Geschichte nahe? Ich borgte mir beim Kost├╝mverleih Lambert Hofer ein mittelalterliches Gewand aus (das war eigentlich nur ein B├Ąrenfell) und trat so im Unterricht auf, um mit den Kindern gemeinsam mittelalterliche Lieder zu singen. Beides w├╝rde mir heute nicht mehr einfallen, damals war es f├╝r mich wohl wichtig, um meine urspr├╝nglichen Ziele nicht ganz zu vergessen.

Sollte ich als Schriftsteller tats├Ąchlich nur noch die "Manuskripte" f├╝r meine Unterrichtsstunden schreiben? Waren meine schauspielerischen Auftritte ab jetzt vor dem kleinen Kreis einer Schulklasse?

Das wollte ich nicht glauben. Ich war mir sicher, dass ich zu meinen urspr├╝nglichen Berufsabsichten wieder zur├╝ckfinden w├╝rde. Nach dem Probejahr bekam ich zun├Ąchst Unterrichtsstunden, die mir aber gleich wieder weggenommen wurden.

┬ę Norbert Netsch 2020-08-09

Kommentare

Geh├Âre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich ├╝ber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.