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Die Löwen-Geschichte

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Die Löwen-Geschichte | story.one

Als Volksschüler war ich sehr unauffällig. Nur einmal erregte ich in der Klasse Aufsehen, als ich meiner Person etwas mehr Bedeutung verleihen wollte. So kam ich auf die Idee, den anderen zu erzählen, dass ich zu Hause einen Löwen hätte, der jederzeit bei nächtlichen Besuchen Kinder erschrecken könnte.

Offensichtlich erzählte ich das so überzeugend und malte die möglichen Schrecken in vielen Farben aus, sodass es nicht lange dauerte und Eltern bei meiner Mutter anriefen, um sich zu beschweren. Ihre Kinder hätten Problem mit dem Einschlafen und auch tatsächlich ein wenig Angst, dass an der Geschichte etwas dran sein könnte.

Das alles passierte bald nach meinem Schuleintritt und somit auch kurz nach dem Tadel für einen schlecht gelungenen senkrechten Strich, den ich an der Wandtafel zog. Es kann durchaus sein, dass diese Prahlerei in einem direkten Zusammenhang mit diesem Strich stand, eine Art Kompensation also.

Meine Mutter war jedenfalls verärgert. Zuerst das Problem mit dem Strich und nun die Klagen der Eltern über mich. Das war kein guter Schulbeginn.

Man könnte nun meinen, dass die Lage für mich ausweglos gewesen sein müsste. Ich lenkte die Kinder allerdings mit einer viel dramatischeren Geschichte ab. Ich erzählte, dass es nicht nur Beschwerden von den Eltern gab, sondern sogar eine anonyme Anzeige bei der Polizei, und ich nun meinen Löwen verstecken müsste, weil er mir sonst weggenommen werden würde. Natürlich könne man aber völlig sicher sein, dass ich ihn nirgends hinschicken würde, da er sonst möglicherweise von der Polizei in den Zoo gebracht werden würde. Bei Sechsjährigen ist sich diese Geschichte irgendwie ausgegangen.

Bei mir ging es oft um den Wunsch nach Anerkennung. Diese Anerkennung bekam ich nicht durch meinen Strich, nicht durch meine sonstigen Leistungen in der Schule und auch nicht durch besondere Ereignisse wie das Jugendsingen. Dort durfte ich als notorischer Falschsänger immer nur Mundbewegungen machen und - in der letzten Reihe stehend - auf ein besonderes Zeichen meiner Lehrerin einmal auf die Triangel schlagen. Selbst als Schauspieler durfte ich mich nicht profilieren. Auf meinem Dachboden gab es einen großen Fundus an Kostümen und Gegenständen. Mit diesen bekam ich zweimal die Hauptrolle in einem Stück angeboten und beide Male wurde sie mir dann wieder weggenommen, weil ich einfach so schlecht spielte. Dann sah ich ein anderes Kind in meinem Kostüm die Hauptrolle tatsächlich viel besser spielen.

An einem sehr heißen Junitag in der vierten Klasse war es wieder soweit: Ich sagte meiner Mutter, dass heute das Jugendsingen stattfindet und lud sie dazu ein. Sie meinte aber, dass der Festsaal sehr stickig wäre und ich ohnedies nur in der letzten Reihe stünde, um einmal auf die Triangel zu schlagen. Da bliebe sie lieber zu Hause.

So hatte der Kampf um Anerkennung als Obstverkäufer und mit der Löwen-Geschichte früh begonnen und sich als Zeitungsmacher wohl fortgesetzt...

© Norbert Netsch 2020-08-06

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