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Die Zeitungsmacher

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Die Zeitungsmacher | story.one

Nach der Volksschule war ich auch am Gymnasium zunächst ein sehr unauffälliger Schüler. In den ersten beiden Schuljahren kam ich in eine reine Bubenklasse und zeigte mich von Anfang an sehr verschreckt. Das begann schon bei der Aufnahmeprüfung.

Mein Jahrgang war der letzte, der diese aufregende Prüfung machen musste, um die AHS-Reife zu beweisen. Ich stand zittrig vor dem Lehrer, der mich fragte, wie die Nennform von "ich war" hieße. Ich hatte keine Ahnung und war mir sicher, dass ich genau deshalb nie in der AHS sein würde.

Offensichtlich hatte es aber dann doch gereicht, und ich kämpfte mich durch die ersten Jahre. Im Rechnen war ich durch mein Training als Obstverkäufer sehr gut, bei den sogenannten Schlussrechnungen, wo man nachdenken musste, tat ich mir aber schwer und in Englisch ebenfalls.

Das alles beschäftigte mich ab der 3. Klasse nicht mehr. Da wurden wir mit einer Mädchenklasse im neusprachlichen Zweig gemischt und das veränderte meine unauffällige Persönlichkeit komplett. Ich wollte mich um jeden Preis vor den Mädchen produzieren und wurde zu einem sehr undisziplinierten Schüler.

Zunächst kam ich damit auch gut an, aber in der 7. Klasse passierte der folgenschwere Bruch. Plötzlich waren die guten Schüler, die es später wohl auch zu etwas bringen würden, für die Mädchen interessanter, und ein Klassenkasperl mit schlechten Noten verlor sein Ansehen. So zog ich mich beleidigt zurück und blieb der Schule immer häufiger fern, um in einem nahe gelegenen Kaffeehaus mit anderen Schulverweigerern Billard zu spielen. Es kamen über 3oo Fehlstunden in der ersten Jahreshälfte zusammen. Ich musste mich sehr anstrengen, um wenigstens nur mit einer Wiederholungsprüfung das Schuljahr gerade noch zu schaffen.

In dieser Zeit fielen mir zwei Schüler auf, die zwar erst in die 5. Klasse gingen, aber immer mit Anzug kamen und schon fast erwachsen wirkten. Sie gaben eine Schülerzeitung heraus. Jetzt witterte ich eine andere Chance, an meinem Verlierer-Image etwas zu arbeiten. Ich könnte doch wenigstens einen Artikel für die Zeitung schreiben, der schrill und auffallend sein sollte.

So bot ich den beiden Chefredakteuren einen Text an, mit dem ich in meinem Frust über alle herzog: SchülerInnen und LehrerInnen. Die beiden hofften wohl auf einen Skandal und kauften mir den Artikel für 300 Schilling ab. Früher musste ich 30 kg Zwetschken für diese Summe pflücken und verkaufen. So wurde mir klar, dass man mit geistiger Arbeit viel leichter sein Geld verdienen kann als mit körperlicher und dazu auch noch die heiß ersehnte Anerkennung erlangt, die einem als Obstverkäufer mit sehr geringem Geschäftsumfang nicht so sicher war.

Die Veröffentlichung brachte für alle Seiten den gewünschten Erfolg. Der Skandal trug zum Verkauf der Zeitung bei, der Artikel sorgte dafür, dass ich zwar ein paar Freunde weniger und ein bisschen Missgunst mehr im Lehrkörper hatte, aber ich war auch mit einer geistigen Leistung im Gespräch - endlich...

© Norbert Netsch 2020-08-07

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