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Vom Obstverkäufer zum Zeitungsmacher

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Vom Obstverkäufer zum Zeitungsmacher | story.one

Als kleines Kind saß ich gern am Boden und sortierte Geldmünzen. So konnte ich schon zählen und ein wenig rechnen, obwohl ich keinen Kindergarten besuchte. Am Weg durch den Garten zählte ich unsere Obstbäume. 26 Zwetschkenbäume, 18 Birnenbäume, 12 Apfelbäume, 6 Nussbäume. Mein zwei Jahre älterer Bruder konnte mit seinen sieben Jahren schon besser rechnen und so beschlossen wir die Geschäftsgründung eines Obststands am Gartentor.

1965 war ein idealer Zeitpunkt dafür. Viele Menschen hatten noch keine Autos und fuhren daher mit der Straßenbahn ins Grüne. Die Wiener Maurer Lange Gasse ist eine Station der Straßenbahnlinie 60 und wenn man die Gasse hinaufgeht, kommt man nicht nur bei unserem Haus vorbei, sondern direkt in den Maurer Wald.

An schönen Herbstwochenenden strömten mit jeder Straßenbahn Leute vorbei. Wir hatten noch die Schultüte meines Bruders, deren Spitze wir abschnitten, damit ich sie als riesiges Megafon nutzen konnte. Ich rief den Menschen nicht nur die angebotenen Obstsorten zu, sondern auch die Preise. Mein Anblick dürfte so rührend gewesen sein, dass viele bei uns einkauften.

Am Dachboden fanden wir eine alte Waage und einen Wäschekorb für die Nüsse. Wir bekamen auch Holzsteigen, wo wir das Obst so anboten, wie wir das von richtigen Geschäften kannten.

An schönen Tagen war alles gut, bei Schlechtwetter hingegen unheimlich schwierig. Schon dass Pflücken in der Früh, dann das Warten auf die wenigen Kunden und die Nässe tat dem Obst auch nicht gut, das rascher faulte. Hielt man die wertvollen Nüsse nicht trocken, schimmelten sie erbarmungslos.

Wir nahmen für unsere Verhältnisse viel Geld ein, von dem wir dann Spielzeug kauften, das wir uns sonst nicht leisten hätten können. Ich erinnere mich an eine elektrische Autobahn, mit der wir zweimal gespielt haben, weil der Aufbau so mühsam war und sie dann nur im Weg stand und sonst - erinnere ich mich an nichts. Mir war das Geld nicht wichtig und auch die Spielsachen interessierten mich nicht. Mich faszinierte das Geschäft an sich. Werbung, Beschriftung und Aufbereitung der Ware, Verkaufsgespräche, Beeinflussung der Kunden durch Sonderangebote, Aufbau einer Vertrauensbasis, um Stammkunden zu bekommen. Das Geld war für mich zwar ein Zeichen des Erfolgs, aber ich brauchte es nicht, weil ich keine dringenden Bedürfnisse hatte, die ich mit Geld befriedigen hätte können.

Mein Bruder verlor mit der Zeit das Interesse am Geschäft und so versuchte ich eine Optimierung. Ich telefonierte als Achtjähriger mit den umliegenden Konditoreien und verkaufte ihnen Obst in größeren Mengen und nahm auch Bestellungen von Stammkunden entgegen. Ende der Sechzigerjahre wurden die Wanderer immer weniger, weil die Menschen zunehmend mit dem Auto Ausflüge machten.

Trotzdem gab es mein Geschäft noch bis 1976. Dann hatte ich das große Erweckungserlebnis: Ich wollte mit 16 nicht länger Obstverkäufer sein, sondern Zeitungsmacher werden.

© Norbert Netsch 2020-08-06

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