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#hilfe#medizin#transplantation

Bazar des Lebens

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Bazar des Lebens | story.one

Es ist zwei Uhr in der Früh. Ein doppelter Espresso rinnt mit einem Schluck in meine ausgetrocknete Kehle. Das grelle künstliche Licht im OP Trakt hat die restliche Müdigkeit vertrieben nach der schockierenden Ankündigung. Ein zweiunddreißig Jähriger ist aus dem vierten Stock gesprungen.

Als er mit dem Hubschrauber ankommt, ist sein Körper noch am Leben, doch aufwachen wird er nicht mehr, nachdem ich die Computertomografie des Schädels gesehen habe. Ich leite die Hirntoddiagnostik ein. Wie durch ein Wunder haben seine inneren Organe keinen Schaden abbekommen.

Seine Familie hat zu Hause einen Abschiedsbrief gefunden, doch sie haben nie etwas Derartiges an ihm bemerkt. Er gilt eigentlich als lustiger und geselliger Mensch. Mit dem Beatmungsschlauch in seinem Mund, der fehlenden körperlichen Anspannung und dem zerschrammten Gesicht lässt sich noch kaum der Mann erkennen, dessen Foto über seinem Bett hängt.

Das Explantationsteam trifft ein. Die Eltern verabschieden sich von ihrem Sohn und er wird in den Operationssaal geschoben. Es geht alles schnell, doch in den anderen Krankenhäusern werden die Empfänger bereits vorbereitet, die Transporte sind auf Abruf.

Es herrscht ein geregelter Arbeitsablauf und es wird nur gesprochen, damit die Instrumente gereicht werden. Jeder ist betroffen. Ich regle die Beatmungsmaschine und die Medikamente, die ihn am Leben erhalten bis die Organentnahme abgeschlossen ist.

Nun beginnt der Bazar des Lebens: Eine Fünfzehnjährige bekommt das Herz, die Nieren gehen jeweils an Patientinnen mit Lupus, die Lunge an ein Kind mit schwerer Mukoviszidose und die Leber rettet einen Mann mit Leberzirrhose im Endstadium.

Er spürt nichts mehr, hat keine Schmerzen und ich weiß, dass sein Bewusstsein in dem Moment ausgesetzt hat, als er ins Leere stieg. Und doch trau ich meinen Augen nicht was ich sehe. Zwei Tränen bahnen sich den Weg über seine Wangen. Ohne darüber nachzudenken, tupfe ich sie ab. In Gedanken sage ich ihm, dass ich ihn wahrnehme als Mensch im Hier und Jetzt.

Im Raum der Stille liegt er schön zurechtgemacht und aufgebahrt. Ich empfange dort die Eltern. Die letzten Tage sieht man ihnen an. Die Sprache stockt bei jedem Wort, doch sie stehen Arm in Arm und stärken sich gegenseitig. Die Mutter sagt, dass er das gewollt hätte, anderen ein Leben zu schenken. Sie findet Trost, dass er in anderen weiterlebt. Sie wünschte nur, er hätte sich ihnen anvertraut. Sie wünschte, sie hätten die Leere hinter seinem Lächeln erkannt.

© noux 2021-02-22

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