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#kindesglück#buchliebe#kinderzeit

Im Buchladen, Teil 2

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Im Buchladen, Teil 2 | story.one

„So, Hansi, bist amal wieder da. Ich hab ein neues Buch für dich. Kannst dich da hinsetzen und schon amal anfangen zum Lesen. Wart, ich hol nur des Buch. Is grad gestern reinkommen. Eine G’schicht von einem Schiff, des in einem Sturm auf ein Riff aufläuft und wo die ganzen Seeleut fast alle ertrinken, bis auf ein paar, die von so Einheimische g’rettet werden. Aber den Rest, den musst selber lesen, weil sonst is ja die ganze Spannung weg. Nur gut ausgehen tut des net!“

Dabei kam sie aus ihrer Ecke, ging ans Regal, nahm ein Buch heraus und gab es mir. Danach setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl und überließ mich meiner selbst und der Stille, die wie ein feines Tuch über der Couch und mir ausgebreitet war. Es war fast so, als wäre ich gar nicht anwesend. Nicht für mich selbst und auch nicht für alle anderen, die in den Laden kamen.

Sie wusste, dass ich mir kein Buch kaufen konnte. Man konnte es mir ansehen, mit meiner alten Lederhose und dem viel zu großen Hemd, dass ich aus der Siedlung kam. Aber sie wusste auch, dass ich lesen wollte. Beim ersten Mal stand ich nur vor dem Schaufenster und sah mit großen Augen, was es dort gab. Es muss lange gewesen sein, da sie auf einmal herauskam, mich an der Hand nahm, mich zur Couch führte und sagte:

„Setz dich Bub, ich geb dir was zum Lesen, wenn’st willst. Aber bevor wir des machen, musst mir sagen, wie du heißt.“

„Hansi. Hansi Heinsberger“, meinte ich schüchtern. „Und lesen würd ich schon gern was. Des Buch mit dem Indianer drauf. Des im Fenster. Aber Geld hab ich keins nicht und mei Mutter …“

„Siehst Hansi, des hab ich mir denkt, dass du des haben willst“, unterbrach sie mich. „Und dass du des nicht bezahlen kannst. Aber des macht nix.“

Damit holte sie das Buch aus dem Regal, ich schlug es auf und hörte nicht auf zu lesen, bis sie mir sagte, dass sie den Laden jetzt leider schließen müsse. „Der letzte Mohikaner“ war der Titel. Das war mein erstes Buch und etwas, das ich nie vergessen werde.

„Kannst es morgen dann weiterlesen, wenn’st willst. Kannst kommen, wenn’st magst.“

Es waren viele Wochen und Jahre, die ich dort in diesem Buchladen verbrachte. Dass ich älter wurde hinderte mich nicht daran auf dieser Couch zu sitzen, um den halben Tag dort zu verbringen. Frau Bleicher wurde fast zu einer zweiten Mutter zu mir und wollte, dass ich ihr immer über meine neuesten Abenteuer berichte. Oft gab sie mir Ratschläge, wenn sie sah, dass ich wieder einmal irgendwo hineingerutscht war, wo ich nicht hätte sein sollen.

Eines Tages, es war ein sonniger Nachmittag, hing ein Schild an der Tür. Wegen Todesfall geschlossen. Ein paar Wochen später gab es ihn nicht mehr, diesen Laden, der für mich die ganze Welt bedeutet hat. Obwohl alle ihre Gedanken mit ihr ins Nichts verflogen waren, habe ich sie nie vergessen.

© Olaf Maly 2021-06-11

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