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#glaube#friedhof#gottesacker

MEIN STILLER GARTEN

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MEIN STILLER GARTEN | story.one

Ich bin kein gläubiger Mensch. Und wundere mich über Leute, die überzeugt davon sind, dass eine Frau, ohne je Kontakt zu einem Mann gehabt zu haben, schwanger werden und ein Kind bekommen kann. Und bin jedes Mal erstaunt, wenn ich mitbekomme, dass selbst halbwegs intelligente Zeitgenossen an einen Gott glauben, der Tote zum Leben erwecken und aus Wasser Wein zaubern könne. Und werde richtig zornig, wenn mir dickbäuchige, fettleibige Männer in schwarzen Kutten, von denen ich überzeugt bin, dass sie es mit kleinen Buben treiben, erklären, wie ich Liebe zu machen habe.

Ich bin also wahrlich kein gläubiger Mensch. Und doch besuche ich liebend gerne und immer wieder sogenannte Gotteshäuser und Gottesäcker. Nicht nur, weil sie beide in der Regel an den schönsten Flecken der jeweiligen Region, des jeweiligen Kirchendistriktes liegen, auf Grundstücken mit den absolut höchsten Quadratmeterpreisen der Gegend. Auch weil sie beide, die Gotteshäuser wie die Gottesäcker, von einer faszinierenden Kraft und Schönheit sind. Die einen, die Kirchen, ob ihrer beeindruckenden Baukunst. Die anderen, die Friedhöfte, ob ihrer Ruhe und Stille einerseits und der wunderbaren Vermengung von Kunst und Natur, von Natur und Kunst andererseits.

Auch wenn diese Orte im gewöhnlichen Sprachgebrauch als Äcker oder Höfe tituliert werden, für mich sind das die schönsten Gärten, die ich mir nur vorstellen und wünschen kann. Gärten, von einer unvorstellbaren Pracht und Schönheit. Kein störendes Motorengeräusch, kein Kindergeschrei, kein Gequatsche von alten Weibern (obwohl diese gar oft und reichlich vorhanden). Dafür absolute Ruhe, absolute Stille. Und dazu, wie gesagt, die ganze Pracht der Natur. Gräser, Blumen, Sträucher, Bäumchen. In allen Farben. In allen Schattierungen. Vermengt mit kunstvoll geformten Steinen. Marmor, Granit, Sandstein, Gneis. Von Künstlerhand in beeindruckende Formen gebracht. Von Landschaftsarchitekten in die Natur integriert. Ein Garten des Friedens wie ein Garten der Lüste.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte habe ich immer wieder einen schöneren und einen noch schöneren Gottesacker gefunden. Und wenn ich meinte, endlich den allerschönsten gefunden zu haben, gab's dann noch einen, der mindestens ebenso schön war. Schließlich habe ich meinen Lieblingsfriedhofsgarten in einem kleinen Ort in Vorarlberg gefunden, leicht erhöht über dem Rheintal gelegen. Am Rande der Siedlung, am Ende des Dorfes, mit einigem Abstand zu den letzten Häusern, stand zuerst die prächtige, zweitürmige Kirche. Und dahinter der Garten. Und dann war da nichts mehr. Nur noch der leicht abfallende Berg ins Tal hinunter. Und der durch nichts getrübte Blick weit über den Bodensee hinaus.

Wie gesagt: Ich bin kein gläubiger Mensch. Aber im Tode hier zu liegen, in diesem zauberhaften Garten von Kunst und Natur, blickend über Land und Wasser in einen strahlend blauen Himmel … das könnte ich mir durchaus vorstellen.

© Otto Köhlmeier 2021-04-08

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