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#miraclejohn

Wenn der Vorhang fällt.

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Wenn der Vorhang fällt. | story.one

Jedesmal, wenn sich mein Augenvorhang schließt und wieder öffnet, wechselt die Kulisse sein Bild.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die uns große Momente bescheren. Unsere Umgebung ist keineswegs selbstverständlich, sie ist ein Abbild unserer Wahrnehmung, deren Filter sie durchläuft, damit sie nach der getilgten, verzerrten und generalisierten synaptischen Umlaufbahn als unsere Wahrheit wieder ans Licht gelangt.

Dem täglichen Ausdruckstanz der Seele geht hervor, welch Emotionen wir mit Erlebten verknüpfen. Aufrechte Figuren deuten auf hormonelle Ausschüttungen von Glücksbotenstoffe hin. Die Mundwinkel über das ganze Gesicht bis an die Ohrenspitzen hochgezogen, kann in Verbindung mit geschlossenen Augen auf ein ehrliches Lächeln verweisen. Hängende Schultern ziehen nicht nur den Körper hinab, sie zeigen die Stimmungskurve in ihrem inneren Kern.

Doch die Achterbahnfahrt des Lebens kann den Ingenieuren der Vergnügungsparkindustrie noch einige Techniken in der Konstruktion von Loopings, Geschwindigkeit und Verwindungen lehren.

So wie das Leben kein starres Konstrukt darstellt, wie der Wind die Richtung ändert, Sandkörner eine Reise über tausende Kilometer antreten, Raupen nach der Metamorphose ein neues Kostüm tragen, so ist auch unsere Existenz ein Geschenk der Evolution und ein Zeichen einer spannenden Reise.

Ständige Veränderung, einzigartige Verwandlungen, immerwährende Verspieltheit, gepaart mit den verträumten Ansichten der eigenen Kindheit, die im Laufe des Älterwerdens in der Wiege unserer Schaltzentrale zum Schlaf gebettet werden und vom alltäglichen Lebenskarussell in den Schatten gestellt wird.

Wie oft rüttelt das Leben an den eigenen Baum der Erkenntnis, wie groß müssen die Früchte noch werden bis wir mit dem Ernten beginnen. Sind wir verzaubert von dem prächtigen Baum, den festen Wurzeln die sich über Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte in uns ausgebreitet haben, oder sind es die saftigen Blätter mit ihrem satten Grün, die uns erstarren lassen?

Was auch immer es ist, was uns aufhält Träume zu Leben, was uns hindert die Früchte zu Ernten und uns an ihrem Geschmack zu erfreuen. Der Angst zuzugreifen, den Weg zum Mut, der Erfüllung aller kindlichen Träume wohnt kein Zauber inne. Vielmehr ist es ein Wecker der mit jedem Tag an dem wir uns dem Wesentlichen des eigenen Lebens abwenden, immer lauter wird, das Weckintervall in kürzeren Abständen seine Dringlichkeit des Aufwachens und der begrenzten Zeit auf Erden verweisen möchte.

Wie sich der Augenvorhang Milliardenfach hebt und senkt und uns jedesmal eine neue Perspektive schenkt, so liegt es an uns selbst die Bühne des Lebens zu bespielen, denn irgendwann schließt sich der Vorhang für alle Zeit und mit dem Wissen sich seiner Talente bedient zu haben, seinen Tanz in würde beendet zu wissen, fällt es leichter, sich auf seiner Bühne zu verbeugen und in Frieden einzuschlafen.

© David Peter 2021-02-23

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