skip to main content

Das Schwein im Golfklub

  • 25
Das Schwein im Golfklub | story.one

New Delhi, die Hauptstadt Indiens hat viele einzigartige SehenswĂŒrdigkeiten zu bieten. Die Stadt hat eigentlich mehrere historische Zentren und ist rund um ein GrĂ€berfeld aus der Mogulzeit entstanden. Dieses riesige Areal wurde unmittelbar nach Erlangung der UnabhĂ€ngigkeit von der britischen Herrschaft 1945 von PrĂ€sident Nehru persönlich per Dekret zum Golfplatz erklĂ€rt und ist damit sakrosankt gegen die profitgierige Bauwirtschaft geschĂŒtzt. Aus heutiger Sicht eine geradezu geniale Entscheidung, ist doch so ein mit reichlich Vegetation gesegnetes Luftreservoir inmitten der Stadt entstanden, das in heißen Sommern das Leben gerade noch ermöglichte.

Jedes Wochenende spielte ich dort mit 3 Freunden wĂ€hrend der Dauer meines Aufenthaltes in dem Land, rund 7 Jahre in den 90er Jahren, in denen Indien von schweren Hungersnöten noch nach 1945 heimgesucht, der geradezu sensationelle Aufstieg zur Selbstversorgung der Bevölkerung gelang. Ein großartiger Fortschritt, der von der damaligen indischen Regierung unter großem Einsatz zielstrebig verfolgt wurde. Mit dutzendenden landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekten, im Wesentlichen ĂŒber Technologietransfer aus der ganzen Welt, unterstĂŒtzte die FAO diese Erfolgsstory nach besten KrĂ€ften.

Im Jahr vor meiner obligatorischen Pensionierung gelang mir am 6. Loch des Kurses ein “hole in one”. Freudestrahlend eilte ich auf das Green und sah gerade noch ein kleines rosa Schweinchen davonlaufen, ein weibliches Tier, das ich spontan Lucy taufte. Als sie vor dem definitiven Verschwinden in den BĂŒschen kurz innehielt und mit ihren hellen dichten Wimpern leicht schielend erhobenen Hauptes fĂŒr einige Zeit zu mir herĂŒberblickte, hatte sie mein Herz erobert.

SpĂ€ter erfuhr ich, dass Lucy in der ganzen Caddygemeine bekannt war und ein stillschweigendes Übereinkommen bestand, sie noch etwas wachsen zu lassen, um sie bei einem der kommenden Feste am Spieß zu braten.

Lucy war also in Gefahr! Nichts fördert eine junge Liebe so wie eine Bedrohung von außen. Ich musste Lucy retten!

Mein erster Gedanke war, sie im Dienstauto zu entfĂŒhren, aber wohin? Zu mir nach Hause oder in mein BĂŒro war keine realistische Option.

Lucy musste also hier in ihrem Paradies bleiben und ich fĂŒr ihren Schutz sorgen. So erwarb ich ein wunderschönes, antikes Zinnwaschbecken aus der Mogulzeit und stellte es in der NĂ€he ihres Lagerplatzes als Futternapf auf ; mein Fahrer musste ab da wöchentlich einen Plastiksack mit KĂŒchenabfĂ€llen aus der UN-Kantine organisieren,

Dann ließ ich die gesamte Caddygemeinde, rund 50 Mann, versammeln und erklĂ€rte Lucy unter meinem persönlichen Schutz stehend: jeder, der mir versprach, Lucy zu beschĂŒtzen, erhielt einen 100Rupieschein (damals in etwa die Tageslosung eines Caddys)

Meine SpielgefÀhrten konnten meine Glanztat bei der Direktion des Clubs bezeugen und erhielt ich die abgebildete TrophÀe.

Lucy wurde bis zu meiner Heimreise kein Haar gekrĂŒmmt.

© Peter Rosenegger 2021-09-15

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich ĂŒber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.