skip to main content

#hochsensibelundjetzt#geschichteninbriefen

Sehnsucht nach mehr und Meer — Tagebucheinträge

  • 112
Sehnsucht nach mehr und Meer — Tagebucheinträge | story.one

Dienstag, 19. April 1989

Ein warmer, schöner Vorsommertag. Aus dem geöffneten Fenster strömt milde Luft. Die Autos sind viel zu laut. Meine Mutter und meine Kinder schlafen. Mein Mann ist Taxi fahren.

Ich habe ein ausführliches Bad genommen, ein schönes Kleid angezogen und versucht, mich in die Gegenwart zurückzuholen. Im Hier und Jetzt zu leben. Wie das Tier, das gar nichts anderes kann, weil ihm die Möglichkeit des Denkens fehlt. Das Tier geht in seinen Lebensvollzügen auf. Der Mensch kann darüber nachdenken. Und Nachdenken ist nicht immer angenehm.

Gestern habe ich mir Rosen gekauft und erfreue mich an ihrem Anblick und Duft.

Besser geht es mir, wenn ich meine Gedanken, Gefühle und Wünsche an mich heranlasse.

In Spanien an der Costa Blanca wird es jetzt schon sehr warm sein. Sicher kann man schon schwimmen. Enrique hat mir geschrieben, dass er in der ersten Maiwoche hinfährt. Er hat mich eingeladen. Die Sehnsucht in mir schmerzt.Ich habe ihm noch nicht geantwortet. Lust hätte ich schon hinzufliegen, nicht so sehr aus Sehnsucht nach diesem Mann, der in meinen Erinnerungen schon eine recht blasse Gestalt geworden ist, sondern einfach aus Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Meer. Sehnsucht nach mehr. Allein in einem Hotel wohnen, treffen könnte ich ihn schon. Als Bezugspunkt wäre er mir schon wichtig. Verliebt bin ich nicht in ihn. Vielleicht in einen Traum.

Mittwoch, 20. April 1988

Wie ein grauer Strom fließt mein Leben dahin. Aber wenn ich das niederschreibe, werde ich noch trauriger. Die Trauer steckt in mir, tief und fest, wie in die Wiege gelegt. Sie begleitet mich, seit ich denken kann. Was vorher war, ich erinnere mich nicht. Vielleicht bin ich gar nicht traurig, und ich denke nur, dass ich traurig bin. Manchmal wache ich energievoll, mich gut fühlend auf, und dann setzen irgendwann die Gedanken ein, traurige Gedanken. Und mit den Gedanken kommt die Trauer. Aber woher kommen diese Gedanken, wenn die Trauer erst später kommt?Heute war ein schöner warmer Frühlingstag. Zuerst mit Judith einkaufen. Ein Kleid, weil Julia am 12. Mai zur Erstkommunion geht. Esssachen. Schreibsachen. Später noch einmal fortgegangen. Mit meiner Mutter. Auch sie hat sich ein Kleid gekauft. Weil Julia zur Erstkommunion geht. Ich habe es geschafft, mir kein Kleid zu kaufen. Darüber freue ich mich irgendwie.

Ich muss mir das Buch „Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch kaufen. Ich spüre ein starkes Verlangen danach. Manchmal fühle ich mich so gefährdet. Von einer Welle der Verzweiflung, Angst und Trostlosigkeit einfach hinweggespült. Ohne Fantasie kann ein Mensch nicht leben. Erst die Fantasie macht den grauen Alltag bunt und lebendig. Schöne Erinnerungen werden lebendig kraft der Fantasie und machen die Gegenwart erträglich.

Ich werde müde. Die Augen fallen mir zu. Es ist weit nach Mitternacht. Florian ist Taxi fahren. Die Kinder und Omi schlafen.

Ich bin ich. Alles andere ist fremd. Und dieses Fremde sein zu wollen, bedeutet Identitätsverlust.

© Philomena 2021-06-11

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.