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Kilómetro 88

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Kilómetro 88 | story.one

Es ist stockdunkel, der Zug ist voll, die Leute dichtgedrängt. Unsere Rucksäcke verschwinden zwischen Körben mit gackernden Hühnern, unter Indioröcken und hinter Kartoffelsäcken, und sind nur schwer im Auge zu behalten. Aufgeregt warten wir, ob wir die Ausstiegsstelle bei kilómetro 88 identifizieren können, sie wird extra aber für uns unübersehbare Gringas ausgerufen.

Den Gleisen folgend müssen wir etwa einen Kilometer dem Rio Urubamba entlang zurückgehen. Der reißende Fluss trennt uns von unserem Ausgangspunkt zum Inkapfad nach Machu Picchu, der 1911 entdeckten geheimnisvollen Inkastadt in Peru. Ein Hirte zeigt uns ein über den Fluss gespanntes Seil, an dem eine kleine Holzpritsche mit Rollen befestigt ist. Die bietet für genau eine Person samt Rucksack Platz und lässt sich an einer Schnur ans Ufer ziehen. Etwas mulmig ist mir schon zumute, als ich mich auf die Konstruktion kauere und leicht fallend über Fluss gleite. Dann zieht meine Kameradin das "Gefährt" zu sich und folgt mir zitternd nach.

Bei den ersten Hütten im Tal halten uns ein paar Indiofrauen auf und bitten uns um ein Mittel "für die Menstruation". Ich hole krampflösende Tabletten aus meiner Apotheke. Erst allmählich dämmert mir, dass sie etwas haben wollen, damit die Menstruation wieder kommt … Gegen ungewollte Schwangerschaft wird Buscopan vermutlich nicht helfen. Aber die Frauen sind zufrieden, und wir wandern weiter. Nahe der ersten Passhöhe bereiten wir unter einem ausladenden Baum das Lager für die Nacht: ein Biwaksack als Unterlage, und unsere Schlafsäcke als Zeltersatz. Ein großes Lagerfeuer wärmt uns und verrußt den Alutopf mit den Bohnen aus der Dose.

Auf den nächsten Pass folgen wir einem beeindruckenden Steig mit Tausenden von den Inkas sorgfältig angelegten Stufen. Wie in allen Großreichen war Schnelligkeit zum Machterhalt von enormer Bedeutung. Die Ruinen von Sayacmarca versetzen uns ein paar Jahrhunderte zurück, wir fühlen uns wie archaische Inka-Boten und wandern leichtfüßig weiter, wenn auch vermutlich nicht so schnell wie die Läufer zu jener Zeit..

Dritter Tag, dritter Pass, samt einem Steintunnel, den die Inkas ohne Metallwerkzeuge durch eine Klippe getrieben haben. Trotz der dichteren Vegetation finden wir keine Wasserstelle mehr. Zahnpasta muss als Getränkeersatz herhalten, dazu singen wir sehnsüchtige Trinklieder. Weit unter uns erblicken wir mit ausgetrockneter Kehle Machu Picchu. Tantalusqualen empfinden wir, als uns ein Waldbrand den Weg versperrt! Durch den jungfräulichen Urwald rutschen wir am (danach zerrissenen) Hosenboden hinunter. An einem Kiosk wartet schon das herrlich synthetische rettende Inka-Cola. Machu Picchu und die Besteigung des Huayna Picchu sind eine Geschichte für sich.

(Heute darf der Inka Trail aus ökologischen Gründen nur noch in geführten Gruppen und von maximal 500 Personen pro Tag begangen werden und ist oft auf Monate im Voraus ausgebucht.)

© Radnomadin 2021-01-23

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