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#akzeptanz#veganstories#wasistnormal

„Und warum?“

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„Und warum?“ | story.one

Soll ich ihm die Geschichte mit der dunkelblauen Anzughose erzählen?

Wird es ihn interessieren, dass ich als Rezeptionistin eines luxuriösen Schweizer Hotels einen dunkelblauen Hosenanzug zu tragen hatte? Dass es sich dabei um keine Trendfarbe handelte und mir die Hose zwei Nummern zu groß ist, sie mich aber, mangels Alternative, trotzdem in die Schweiz begleitete? Dass sich nach drei Monaten zu Buche schlug, was mir längst hätte auffallen müssen? Dass es bestimmt ein tolles Gefühl für die Hose war, plötzlich so eng mit meinem Hintern verbunden zu sein. Dass mir der Anblick meines nackten Körpers Wellen des Selbsthasses bescherte? Dass ich mich schon vor der fleischreichen Hotelkost zu dick fand?

„Mir schmeckt es nicht mehr.“

„Geht es dir nicht um die Tiere?“

Soll ich ihm von meinem früheren exzessiven Konsum minderwertiger Wurstwaren erzählen? Vom regelmäßigen Genuss warmer Leberkassemmeln, auf dem Heimweg von der Disko? Von Frankfurtern, die als Mitternachtssnack herhalten mussten? Von Chicken Nuggets, die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit in großer Menge verschlingen konnte? Dass ich nie ein großer Fan von Fleisch war aber eine Leidenschaft für Extra- und Pikantwurst, Wurstsalat und Essigwurst hatte? Soll ich ihm sagen, dass man mir helfen wollte den Konsum einzuschränken, indem man mir von Schweineohren und Borsten in der Wurst erzählte? Dass ich trotzdem, ohne mit der Wimper zu zucken, von meiner Leberkassemmel abgebissen habe?

„Ich habe mich nicht mehr wohlgefühlt. Mein Körper kann Fleisch nicht gut verwerten.“

Ich spüre die Erleichterung meines Gegenübers.

Soll ich ihm erzählen, dass fleischlose Nahrung in mir Energien freisetzte, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren? Dass ich durch ein neues Bewusstsein auch die Lust auf Süßigkeiten verlor? Dass die Kilos schneller purzelten, als ich es anhand meiner Hose kontrollieren konnte und ich meinen Körper liebe? Dass es ein völlig neues Lebensgefühl ist und die Lust auf Wurst und Fleisch nie mehr wiederkam?

ER ist viele. Er ist der Kollege, der Chef, der Vater oder die Mutter meines Freundes, der Nachbar, der Bekannte, mein Vater…

2001 ist die Akzeptanz der Mitmenschen zu „anderen“ Lebensweisen gleich groß wie die Auswahl an vegetarischen Kochbüchern in Buchhandlungen oder fleischlose Speisen in Gasthäusern. Als Beilage zu Käsespätzle oder Gemüselaibchen reiche man mir ungebetene Diskussionen über fehlende Vitamine, die niemand benennen kann.

Jedem Fleischbefürworter scheint es primär darum zu gehen, dass in ihm kein schlechtes Gewissen ausgelöst wird. Er möchte seine Gewohnheiten beibehalten, mich aber umstimmen. Ich könnte auch fragen: „Warum willst du mich überzeugen?“

Ich will einfach nur essen und könnte manchmal bitzeln und flehen ein anderes Gesprächsthema zu ergreifen. Ich möchte schreien: „Kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ich nicht DU bin. Ich zwinge dich schließlich auch nicht, ICH zu sein.“

© Sabine Almhofer 2021-08-21

Vegan Stories

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