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#herzschmerz#paris

Episode 5: Bewerbung

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Episode 5: Bewerbung | story.one

Kaia, Juli 2005

Herr Gauburger blätterte durch die Seiten vor ihm.

„Es ist ja nicht so, als hätten wir viele Bewerber für den Job", seufzte er. „Maier kämpft mit Interviews, die über drei Fragen hinaus gehen, und Heschler kann Französisch nur aus dem Moulin-Rouge-Lied. Und da wissen wir ja, wohin das führt." Er lachte. Kaia lachte auch, obwohl ihr innerlich immer noch zum Heulen zumute war.

Vor vier Tagen hatte Axel seine Sachen gepackt, ihr in die Augen geschaut und gesagt: „Du bist so talentiert. Bitte vergeude das nicht länger. Wehre dich nicht gegen das, was du bist." Dann hatte er nochmal sein charmantes Lächeln gelächelt, während Kaias Herz in Tausend Stücke zerbrach und eine Träne über ihre Wange lief. Wie er zur Tür hinaus ging, sah sie nur noch durch einen nassen Schleier.

Das war immer ein Streitpunkt zwischen ihnen gewesen. Axel war Fotograf, mit Leib und Seele. Er hatte nie verstanden, was sie bei einer Tageszeitung tat, warum sie ihre Wochenenden bei Vereinsveranstaltungen verbrachte, anstatt ihren Traum zu verfolgen. Mit der Zeit hatte er es ihr immer mehr übel genommen, ihr vorgeworfen, dass sie sich unter ihrem Wert verkaufte, nicht zu sich stand. Ein bisschen stimmte das vielleicht. Sie hielt es nicht für möglich, von einem Traum zu leben. Sie bevorzugte etwas Handfestes. Sie hatte nichts gespart, ihr fehlten Ideen, ein Plan. Was hatte sie davon, alles hinzuschmeißen, wenn sie keine Ahnung hatte, was danach kam?

Langsam, schleichend, aber endgültig hatte Axel sich von ihr entfernt. Er empfand sie nicht mehr als ebenbürtig, wollte sein Leben nicht mehr mit ihr teilen. Hatte das Gefühl, sie verstand ihn nicht, war weit weg von der enthusiastischen, leidenschaftlichen Studentin, die der Welt ein Loch reißen wollte. Die sich mit ihm drei Jahre zuvor klitschnass nach einem Tanz durch den Regen um ein Taxi gestritten hatte. Schließlich hatten sie es sich geteilt und waren noch während der Fahrt in heftigen Küssen auf der Rückbank versunken.

Selbst schuld, dachte sie, während sie zusah, wie Gauburger mit den Fingern auf den Tisch klopfte. Sie hätte es besser wissen müssen, als sich mit einem Künstler einzulassen. Eigentlich hatte sie diese Lektion schon vor Jahren gelernt.

„Unter sechs Monaten gehen Sie nirgendwo hin, Koslowski. Das muss klar sein", riss ihr Chef sie aus den Gedanken. Ja, das war ihr klar. Aber ihre Mission würde sie auch nicht in sechs Monaten beenden. Sie würde zu sich zurückfinden. Herausfinden, was sie wirklich wollte. Nicht für Axel. Dafür war es zu spät. Und sie wusste auch gar nicht, ob er recht hatte. Aber sie hatte sich seit Jahren nicht so verloren gefühlt. Die Ankündigung ihres Chefs, dass jemand langfristig nach Paris müsste, hätte nicht gelegener kommen können.

Paris. Paris! Schon als Studentin hatte sie davon geträumt. Fast hüpfte der Rest ihres Herzens bei dem Gedanken.

„Ja. Ist mir klar. Ich bin bereit. Solange Sie mich brauchen."

Vielleicht für immer.

Diesmal war es ein ehrliches Lächeln.

© Sandra Andrés 2021-06-11

Das hab ich noch nie gemacht!ERFOLGDer eigene Rucksack

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