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#buch#parkbank#durchreise

Temporäre Hauslosigkeit

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Temporäre Hauslosigkeit | story.one

Burgos hat ihn das Durchreise-Zeitempfinden kennen gelehrt. Am frühen Vormittag angekommen, schlendert er durch die historische Stadt, mit dem Bewusstsein mitten in der Nacht wieder abzufahren. Die Wege, die Blicke, wären sie gleich, hätte er ein Nachtquartier bezogen? Sie sind gleich, denkt er. Und anders. Er geht in die Kathedrale – was er auch getan hätte, wenn er geblieben wäre – aber er empfindet den Bau schwerer. Die siebenhundertundvierzig Jahre alte Substanz lastet auf ihm, trotz des gotischen Strebens nach Verjüngung der Perspektive.

Seine temporäre Hauslosigkeit wirkt auf ihn, als könnte er in dem Neubau aus dem dreizehnten Jahrhundert noch seinen romanischen Vorgänger erahnen. Die Votivgaben und der fromme Kitsch beeindrucken ihn nur flüchtig, denn, obwohl er Zeit en Masse hat, ja eigentlich gar nicht weiß, wie er den Tag, die Zeit bis zu seiner frühmorgendlichen Abreise genussvoll zubringen soll, treibt ihn eine nichtspezifische Unruhe. Obgleich er wahrscheinlich keine mittägliche Bettruhe gehalten hätte, würde er ein Zimmer für die Nacht bezogen haben, befällt ihn eine Müdigkeit, die sein Verlangen nach einem Refugium steigert. Bis ins Unerträgliche? Auch. Bis dahin wäre es aber noch ein weiter Weg! Oder?

Burgos belehrt ihn. Er sitzt auf einer Bank in der Nähe des Stadttores, bekommt mit einem Mal eine sehr vage Ahnung davon, was Obdachlosigkeit bedeuten kann. Dass sie womöglich weit mehr eine Frage der Zeit, als des Raumes ist. Einen Anker trägt er in seiner Umhängetasche. Es ist ein Exemplar der Postmortalien von Ladislav Klíma Edition Sirene 1993. Er gräbt es aus, beginnt darin zu lesen.

Nach ein paar Minuten hört er ‚un libro es un buen amigo’. Der zahnlose Mann spricht den Satz von der Nebenbank aus. Dass ein Buch ein guter Freund sein kann, hat er noch verstanden. Aber als der Alte nach einer Kunstpause mit einem kleinen Redeschwall fortfährt, muss er den, müde, mit ‚no hablo castellano’ von sich weisen. Dann wirft er dem freundlichen Mann einen Blick zu – halb lächlend halb traurig – der daraufhin, ebenfalls lächelnd, mit den Schultern zuckt. Sie blicken sich eine zeitlang in die Augen. Dann schaut er wieder in seinen Roman. Der Alte steht, nach einer weiteren Kunstpause, auf, um schlurfenden Schrittes in die Altstadt zu verschwinden. Er legt das Buch neben sich auf die Bank und schaut dem Padre nach, versucht sich dessen Wohnung vorzustellen, fragt sich, ob da noch jemand ist, der auf ihn wartet, oder ob der Rentner zugleich Witwer ist. Er beneidet den alten Mann um seine, um eine (!) Adresse, empfindet gleichzeitig die Lächerlichkeit seines Gefühles. Er hat ja eh ein Ticket für den nächtlichen Talgo in der Tasche! Und, obendrein ein Zimmer in Madrid. Er wird die Hauptstadt zum Frühstück erreichen. Und reserviert hat er schon vor Wochen – von zu Hause aus.

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Foto: freestocks / Unsplash

© Sepp Wejwar 2021-06-11

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