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#globalisierung#begegnung#sambia

Jeff - eine Begegnung in Lusaka

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Jeff - eine Begegnung in Lusaka | story.one

Wieder fahren wir über die staubigen Straßen von Lusaka, der Hauptstadt Sambias im südlichen Afrika. Ich bitte den Fahrer, die nächste Straße abzubiegen, da ich wissen will, ob es das Mulele Mwana Youth Skills Centre noch gibt. Und in der Tat: Da steht der Kirchturm und ich sehe die Einfahrt mit der ausgeblichenen Tafel: „Welcome to Mulele Mwana“ und darunter steht als „Our Mission“: „Damit sie Leben in Fülle haben“ (Joh 10.10). Wir halten und ich gehe kurz zum Wachhäuschen. Ein junger Mann öffnet und ich frage nach Jeff. „Kenne ich nicht“, antwortet der Wachmann wortkarg und auf Nachfrage erfahre ich, dass er zwar seit zwei Jahren hier arbeite, aber nie mit einem Jeff zu tun hatte. Als ich mich auf dem Weg zurück zum Wagen nochmals umdrehe, lass ich den Blick schweifen und sehe Jeff vor mir.

Jeff war der Wachmann, der uns als Erster das Tor öffnete, als wir hier mit einer Gruppe unterkamen. Er sei nur der Wachmann, antwortete er damals auf meine Fragen und ich verstand erst allmählich, dass er es nicht gewohnt war, von einem Muzungu – in seiner Sprache ein Weißer – angesprochen zu werden. Erst am zweiten Abend erfuhr ich, dass er Jeff hieß und als Wachmann nicht gewohnt war, überhaupt von jemand wahrgenommen, geschweige denn angesprochen zu werden. Er war stets mit einem Blaumann bekleidet, einem blauen Monteuranzug, der ihm zu weit war und mit einem abgeschabten Kunstledergürtel zusammengerafft wurde. Darunter lugte ein abgetragenes gelbes Hemd hervor und wenn es nachts kalt wurde, hatte er noch eine alte, ebenfalls etwas zu weite und abgetragene und völlig unmodische schwarze Lederjacke. Vor allem erinnere ich mich an sein Lächeln, ein freundliches, dem Gegenüber zugewandtes Lächeln, das mich von der ersten Begegnung an faszinierte und schlichtweg freute.

Als wir schon so etwas wie Freundschaft auf Zeit geschlossen hatten und er spürte, dass ich mich wirklich für sein Leben interessiere, erfuhr ich von Jeff, dass wir gleichaltrig waren und er schon lange als Wachmann arbeitete, jeweils sechs Tage die Woche. 10 Stunden saß er im (oder stand vor) dem Wachhäuschen, öffnete und schloss das Tor und grüßte die Gäste. Dafür erhielt er (vor der Währungsreform) 300.000 Kwacha im Monat, umgerechnet also knapp 45 Euro. Jeden Kwacha sparte er für seine Familie, vor allem für seine Tochter Elina. Wenn er von ihr erzählte, hatte er entweder leuchtend-glückliche oder melancholisch-traurige Augen. Damit seine Frau, seine Mutter und eben Elina überleben und auch noch das Schulgeld von 300.000 Kwacha pro Schuljahr bezahlt werden konnte, leistete er sich nur eine warme Mahlzeit am Tag, lief jeden Tag von seiner Gruppenunterkunft eineinhalb Stunden einfach zur Arbeit und besuchte die Familie nur einmal im Jahr.

Der Fahrer hupte, damit ich endlich wieder einsteige. Es gibt viele Wachmänner in Lusaka, in Sambia, in Afrika und es wäre schön, wenn sie ein „Leben in Fülle“ hätten, wie es auf der Tafel des Centre Mulele Mwana hieß.

© Siegfried Grillmeyer 2021-01-23

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