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#musik#menschenverbinden

Ain't no cure for love

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Ain't no cure for love | story.one

Draußen herrschen hochsommerliche Temperaturen, hier in der angenehm klimatisierten, bis auf den letzten Platz gefüllten Wiener Stadthalle brodelt es ebenfalls, als der 78-jährige Entertainer zu den Standing Ovations des Publikums die ersten Takte zu DANCE ME TO THE END OF LOVE anstimmt.

“Dance me to your beauty with a burning violin

Dance me through the panic till I’m gathered safely in

Lift me like an olive branch and be my homeward dove

Dance me to the end of love”

Der beste aller Väter und ich stimmen ein in den Chor, der seine Welthits von SUZANNE, SO LONG MARIANNE oder WHO BY FIRE mit ungebrochenem Enthusiasmus begleitet. Ich beobachte fasziniert, wie die Lippen des singenden Poeten Songs wie BIRD ON A WIRE, auf dessen unverwechselbarem Timbre ich in diversen Wiener Lokalen während meiner bewegten Sturm und Drang Zeiten gesurft bin, formen. Leonard Cohens einprägsame Lieder bildeten in jenen längst vergangenen Jugendjahren eine sichere Konstante, während ich mich auf der aufregenden Suche nach meinem innersten Wesen befand.

„I saw a beggar leaning on his wooden crutch

He said to me, „you must not ask for so much“

Cohens Musik schwingt sich wie eine Brücke über das glitzernde Wasser, wir alle werfen unsere imaginären Krücken weg und kennen plötzlich die Antwort. Der Funke, den der alternde Superstar entzündet hat, springt auf uns über, und während der Musiker Sisters of Mercy singt, wird es in der riesigen Halle vollkommen still. Ich lächle meine Sitznachbarn an und diese erwidern mein Lächeln. Eine tiefe Verbundenheit hat uns ergriffen, der Musik des Kanadiers gelingt es mühelos, Fremde zu vereinen.

In der Pause treffe ich eine Studienkollegin und ihre bessere Hälfte, und wir werden spontan nach Ende des wundervollen Konzerts in deren Wohnung eingeladen. Während des Studiums hatten wir kaum Kontakt zueinander, jetzt fühlt es sich an, als wären wir schon jahrelang miteinander befreundet.

Leider verfliegt die Zeit in der zweiten Hälfte von Cohens Performance wie im Flug, und als er die erste Zeile seines Songs „Now in Vienna there’s ten pretty women“ intoniert, hält es uns nicht mehr auf unseren Sitzen und wir tanzen entrückt zu TAKE THIS WALTZ in der Hauptstadt der Musik.

Was für ein Geschenk, dass der Ausnahmekünstler, der als Mönch unter dem Namen Jikan, der Stille, im Mount Baldy Zen Center in Los Angeles von seiner inneren Reise in die Außenwelt, sprich auf die Bühne des Lebens, zurückgekehrt war.

Mithilfe der Kraft der Meditation beschert der hochbetagte Sänger seinen treuen Fans einen beinahe dreistündigen Konzertabend. Bevor er jedoch zum Abschied seinen Hut zieht, stimmt er noch I TRIED TO LEAVE YOU an.

Wie in der Spirale des Malers Hundertwasser gefangen, bin ich eins mit mir und meiner Erinnerung an das schönste Klangerlebnis, das der 2016 verstorbene Songwriter und Singer mir und vielen Gleichgesinnten geschenkt hat.

AIN'T NO CURE FOR LOVE

Herzlichen Dank an Daniele Levis Pelusi fürs stimmungsvolle Bild

© Silvia Peiker 2021-08-06

Menschen verbinden

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