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Als das Christuskind rote Haare hatte

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Als das Christuskind rote Haare hatte | story.one

„Kommet ihr Hirten ihr Männer und Fraun, kommet, das liebliche Kindlein zu schaun.“ Schon in jungen Jahren sausten meine Finger über die unterschiedlich großen Löcher der Blockflöte, wenn ich die beschwingte weihnachtliche Weise darauf anstimmte.

„Lasset uns sehen in Betlehems Stall, was uns verheißen der himmlische Schall“. Dieses Jahr würde unter den geschmückten Zweigen des Tannenbaums ein neuer, großer Stall den Heiland beherbergen. Denn meine kreative Freundin Gaby hatte meiner Familie anlässlich des bevorstehenden Festes eine imposante orientalische Krippe mit hohem Turm und Stadtmauer geschnitzt, in dessen Schutz sich der offene Stall schmiegte.

Die großen, unbehandelten Krippenfiguren aus hellem Lindenholz, die darauf warteten, vom besten aller Väter sorgfältig bemalt zu werden, erstanden wir auf dem Christkindlmarkt. Zuerst einmal sollten Maria, Joseph und das Jesuskindlein in die Krippe einziehen. Die heilige Familie sollte dann jährlich um eine neue Figur ergänzt werden.

Am Weihnachtstag freuten wir uns schon darauf, den Christbaum zu schmücken. Dieses Jahr mit etwas flauem Bauchgefühlt, da wir nicht wussten, ob unser rot gestreiftes Kätzchen, das wir ja erst im August von der Rax als Souvenir mitgenommen hatten, den Versuch starten würde, in verspielter Stubentigermanier die festliche Tanne zu erklimmen.

Zunächst einmal machte es sich Garfield in jener Schachtel gemütlich, in der wir die weihnachtliche Dekoration aufbewahren. Später rollte er sich in den behaglich mit Holzwolle ausgelegten Karton zusammen, in dem zuvor die Krippenfiguren sehnsüchtig auf das erstmalige Herausholen gewartet hatten, um im Stall ihren traditionellen Platz einzunehmen.

Da unsere Samtpfote nun ein Nickerchen hielt, war es uns möglich, den Baum ungestört aufzuputzen. Zu guter Letzt noch ein Finish mit Kerzen aus Bienenwachs und Girlanden, voilà, und die Wohnstube hatte sich in ein duftendes Rondo aus Tanne, vermengt mit Honigwaben, verwandelt.

Kaum war der junge Kater erwacht, war er auch schon unter dem Baum verschwunden, nur um nach glänzenden Kugeln und bunt eingewickelten Zuckerln, die es seiner Ansicht ja darauf anlegten, von den Zweigen heruntergefischt zu werden, zu tapsen. Hatte er erst einmal die verlockende Beute in den Fängen, so flitzte er auch schon wie Flash hinter die Couch, um dort ungestört mit ihr zu spielen. In weiser Voraussicht baumelten auf den unteren Ästen nur Kunststoffkugeln, da Garfield ja nicht unser erstes miauendes Familienmitglied darstellte.

Am Abend war dann endlich Ruhe eingekehrt, und nach dem sachten Bimmeln des Weihnachtsglöckchens erblickten wir den Weihnachtsbaum im Flackern der Kerzen, die die große Krippe darunter in ein schummriges Licht tauchten. Und wir staunten nicht schlecht, als wir unser rotes Kätzchen friedlich schlummernd im Stall derselben entdecken, wo doch eigentlich das Jesuskindlein mit den blonden Löckchen ruhen sollte.

© Silvia Peiker 2020-12-24

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