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#eigenartig#everydaystorys – alltagsgeschichten

Antiautoritär

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Antiautoritär | story.one

Von ihrem seltsamen Erlebnis in der Stadtbahn erzählt Tante Maria auch heute noch gern. An einem damals noch schneereichen Tag im Jänner beabsichtigte sie, mit der alten Stadtbahn, deren Gleisverlauf dann später die Linien U4 und U6 übernahmen, von ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten in Meidling, zum weit entfernten Schwedenplatz heimzuruckeln.

Meine Tante lebt im zweiten Wiener Gemeindebezirk in der Nähe des Riesenrades. Deshalb hatte sie reichlich Zeit, als stiller Zaungast die winterlich gekleidete Schar der Fahrgäste im rotweißroten Wagen zu beobachten, als sie in Meidling in die ehemalige Wientallinie einstieg. Nachdem sie schon einige Zeit durch die verschneite Großstadt gerumpelt waren und sich der Wagon während der Rushhour mit zahlreichen weiteren Passagieren gefüllt hatte, stieg eine junge Mutter mit ihrem zweijährigen Kind zu. Sie setzte sich zu drei anderen Fahrgästen in eine Vierergruppe ans Fenster, wobei sie den Buben auf den Schoß nahm. Das Kleinkind war recht lebhaft und es zappelte so wild mit seinen Beinchen, dass seine schmutzigen Stiefelchen, auf denen der Schneematsch klebte, gegen die Knie der gegenübersitzenden, älteren Dame schlugen und den vorher noch sauberen Rock mit einer Schmutzspur überzogen. Als diese Frau es nicht mehr aushalten konnte, bat sie die Mutter, ihr Kind doch zu bändigen.

Diese erwiderte jedoch sarkastisch: “Ich erziehe mein Kind antiautoritär, es kann machen, was es will.“

Meine Tante glaubte, sie hätte sich verhört, der getretenen Frau hatte es ob der frechen Antwort wohl auch die Sprache verschlagen. Der unruhige Bub streifte seine schmuddeligenSchuhsohlen jedoch fleißig weiter an der Kleidung der gegenübersitzenden Frau ab.

Kurz bevor die Stadtbahn in die nächste Station rollte, erhob sich plötzlich ein junger Mann, ging ganz nahe an die uneinsichtige Mutter heran und spuckte vor ihr aus heiterem Himmel auf den Boden! Dieses Benehmen zählte zwar auch nicht zur feinen englischen Art, war eines Schäfer-Elmayers nicht würdig, dafür aber effektiv!

Ein Aufschrei der Mutter: "Was fällt Ihnen ein, so eine Frechheit!“

Der Unbekannte war schon beim Aussteigen, als er sich umdrehte und in den Wagen hineinrief: “Ich wurde von meinen Eltern auch antiautoritär erzogen!“

Er hatte den tosenden Applaus, den ihm die noch verbliebenen Fahrgäste, darunter auch meine Tante, begeistert spendeten, bestimmt noch gehört!

Es dauerte nicht lange, als die uneinsichtige Mutter bei der nächsten Station fluchtartig mit ihrem unerzogenen Kind das Abteil verließ. Das war zwar eine harte Lehre gewesen, aber hoffentlich nicht umsonst!

© Silvia Peiker 2021-01-20

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