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#leidenschaft#bücherliebe

Aufgeblättert

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Aufgeblättert | story.one

Bis jetzt glich mein Leben einem Bilderbuch. Bei meiner Geburt entstanden Bilder, zuerst textlos, ohne Kommentar. Erst langsam formte sich meine Sprache zu verständlichen Lauten und streng räumlich angeordnet unter den Bildern entwickelten sich erste Wörter und Sätze, mit denen ich mich erstmals mit meiner Umwelt verständigte und meine Eltern stolz machte.

Einfache monoszenische Bilder gliederten sich wohlgeordnet in die Bildkomposition meines jungen Lebens, kündigten den aufregenden Start in die Gemeinschaft des Kindergartens und der Schule an. Nicht viel später schon wurden diese Bilder von bunten Wimmelbildern überlagert, als Beruf, Familie und Haushalt durcheinanderpurzelten und bewältigt werden mussten. Wie die drei Strähnen eines Zopfes mussten abwechselnd berufliche, dann wieder familiäre und zu guter Letzt auch die häuslichen Pflichten miteinander verflochten werden.

Manchmal aber passten Bild und Text nicht zusammen und erzeugten einen disharmonischen Kontrapunkt, rüttelten die sequenzielle Anordnung gehörig durcheinander, verursachten einen Sturm im Wasserglas und ließen unansehnliche Wasserflecken auf den Seiten meines Buches zurück. So wie Tränen schmiegten sie sich in mein oft dünn besaitetes weißes Büttenpapierdasein, wenn sich geliebte Wegbegleiter jäh verabschiedeten, um in unbekannten, finsteren Sphären zu entschwinden. Wie bunt und hell von Sonnenlicht durchflutet gestalteten sich dann wertvolle Momente des Glücks, die auf den Stammbuchseiten meines Lebens einen besonderen Platz innehaben.

Allzu oft erwarteten mich beim Umblättern der Lebensseiten überraschende Effekte, die sich in Form von filigranen Scherenschnitten in prägnantem Schwarz auf weißem Hintergrund mit erträumten, erhofften, aber auch ungelegenen, unpassenden Begegnungen überlappten. Comichaft fand ich dann meine Sprache in Sprechblasen wieder, verbunden mit Soundeffekten wie Gelächter und Stimmengewirr auf Partys im Freundeskreis oder weihnachtlichem Gesang im Familienkreis.

Und wie oft musste ich mich neu erfinden, meinen Lebensplan neu überdenken und meine Geschichte auf selbst geschöpftem Papier weiterschreiben.

Heute, am Welttag des Buches, erinnere ich mich an all die vielen berührenden, humorvollen, spannenden, historischen und lehrreichen Bücher, die mich seit meiner frühen Kindheit als treue Weggefährten begleitet haben. Angefangen mit den fantasievollen Märchen, wie meinem Lieblingsmärchen „Hirsedieb“, von meiner Großmutter mit eigenen Worten vor dem Einschlafen vorgetragen. Gefolgt von unvergesslichen Schmökern wie etwa HEIDI, Abenteuerromanen wie DER HERR DER RINGE, aber auch Meisterwerke wie DER NAME DER ROSE oder DIE ODYSSEE. Nicht zu vergessen die eloquenten Erzählungen von Virginia Woolf oder Christa Wolf. Ich könnte diese Liste noch endlos fortsetzen, aber meine To-Read-list wartet!

Foto: Blind Date in der Bücherei Deutsch-Wagram

© Silvia Peiker 2021-04-23

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