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#1sommer1buchtirol

Ausbrecherkönig

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Ausbrecherkönig | story.one

Immer wieder erinnere ich mich mit Wehmut an meinen Großvater, der leider viel zu früh verstorben ist. Opa züchtete mit großer Leidenschaft Hasen, deshalb verbrachten wir viele schöne Stunden in der damals noch naturbelassenen Au. In den sumpfigen Wiesen abseits des Weges zeigte er mir Butterblumen, deren zarte Köpfchen wie helle Sonnenstrahlen unter den dunkelgrünen Gräsern hervorblitzten. Emsig pflückte ich saftige Löwenzahnblätter, die zur Lieblingsspeise von Opas Hasen zählten. Diese nannte er liebevoll Milibüschel, vermutlich ob des milchigen, ungenießbaren Saftes ihrer kräftigen Stängel.

Wenn eine Häsin ihren Stall mit weichen Haarbüscheln ausgelegt hatte, dann wussten meine Cousine Petra und ich, dass wir bald mit Nachwuchs rechnen konnten. Sobald die flauschigen Häschen groß genug waren, setzte Opa sie in einen mit Holz eingezäunten Fleck auf dem Rasen vor dem Haus, wo wir sie an warmen Tagen streicheln durften. Wir Kindergartenkinder versahen sämtliche Hasen meines Großvaters mit Namen, wenn wir sehnsuchtsvoll mit ihnen Schule spielten.

Ab und zu gab es natürlich zu Mittag bei den Großeltern Hasenbraten. Aber Petra und ich weigerten uns vehement, auch nur einen Bissen von Susi oder Peter zu verspeisen. Man kann doch nicht seine Schüler aufessen!

Als unsere eigenen Kinder gerade im richtigen Alter waren, um sich um ein Haustier zu kümmern, beschlossen wir, einen Hasen in unsere Familie aufzunehmen. Aufgeregt holten wir das geschenkte süße Fellknäuel aus der Hasenzucht von Manuelas großzügigem Vater. Mein handwerklich begabter Vater hatte schon einen Stall für Schnuffi gebaut, aber solange das semmelbraune Hasenmännchen noch so klein war, durfte er natürlich im Haus herumhopsen.

Sobald es warm wurde, errichtete der beste aller Väter ein Freigehege unter den Blättern des Nussbaumes. Dort konnte der kräftig gewachsene Schnuffi nach Herzenslust herumhüpfen, Gras ausrupfen, im Schatten des hohen Baumes ein Nickerchen halten, oder aber einer Lieblingsbeschäftigung von Langohren nachgehen, nämlich dem Tunnelgraben.

Unermüdlich schaffte er es regelrecht, den ganzen weitläufigen Garten zu unterminieren. Plötzlich fand ich Schnuffi im Gemüsebeet, wie er sich gerade genüsslich am Salat delektierte. Ein anderes Mal wieder fraß er die bunten Köpfe meiner Blumen, deren abgenagte Stängel sich dann wie Trauerklöße ohne ihre Blütenpracht sacht im Winde wiegten. Rasenmähen wurde zum gefährlichen Sport, da immer wieder ein Teil des Elektromähers in einem Erdloch versank. Aber Hauptsache, der Hase hatte seinen Spaß!

Manuelas Mutter konnte gar nicht verstehen, dass wir Schnuffi als Familienmitglied betrachteten und nicht als köstliches Gericht auf dem Mittagstisch. Unser Ausbrecherkönig landete jedenfalls nicht im Suppentopf!

© Silvia Peiker 2020-09-27

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