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#1sommer1buch

Bankräuber und Ninja Turtles

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Bankräuber und Ninja Turtles | story.one

Im Sachkundeunterricht wurde das Thema "Spurensuche und Methoden der Forensik“ als Vorbereitung auf die baldige Exkursion in die Polizeizentrale am Schottenring durchgenommen. Dort wollten wir von den Beamten lernen, wie man mit Hilfe eines Computerprogrammes Fingerabdrücke identifiziert und wie man mit Kontrastpulver verdächtige Spuren zum Vorschein bringt. Anschaulich erzählte die Klassenlehrerin den gebannt lauschenden Kindern von insgesamt drei Einbrüchen in der Schuldirektion, die sich in den letzten Jahren ereignet hatten. Dabei hatten die Diebe den Safe aufgebrochen und alle darin befindlichen Wertgegenstände mitgehen lassen. Nachdem man nach dem dritten, geglückten Coup endlich eine Alarmanlage eingebaut hatte, war den Gaunern wohl die Lust vergangen, in das nun alarmgesicherte Schulgebäude einzubrechen. Der vorlaute Marvin, der aufgrund seiner exorbitanten Größe in der letzten Reihe saß, erkundigte sich bei mir sogleich völlig verwundert:

„Aber warum wollen die Verbrecher nicht mehr in der Schule nach Geld suchen?

Ich erklärte ihm, dass die Ganoven wohl vom Einbau der Alarmanlage gehört hätten und nun Angst hatten, erwischt zu werden. Die Anlage war ja mit der Polizeistation verbunden, und diese würde beim Auslösen des Alarms sofort verständigt werden und einen Einsatzwagen vorbeischicken. Marvin runzelte die Stirn, dachte angestrengt über meine Worte nach und rief plötzlich mit lauter Stimme durchs ganze Klassenzimmer:

„Dann sollen die Räuber halt eine Bank ausrauben!“

Da waren die Klassenlehrerin und ich sprachlos, denn auf diese Jobalternative wären wir wohl beide selbst im Traum nicht gekommen!

In der nächsten Sachkundestunde las die Lehrerin den Kindern eine Sage aus Wien vor, die vom Rattenfänger am Magdalenengrund handelte. Sie erklärte ihnen, dass die großen Nagetiere auch heute noch gern in den Abwasserkanälen der Großstadt hausten. Am Ende der Erzählung erkundigte sie sich bei der andächtig lauschenden Kinderschar, wer denn das Wort „Abwasserkanal“ erklären könne. Da reckte der pfiffige Paul völlig aufgeregt die Hand in die Höhe und erwiderte ernsthaft:

“ Das ist ein Tunnel, da leben die Ninja Turtles.“

Nachdem die Pausenglocke geläutet hatte, strebten die Schulkinder hurtig ins Freie, da der launische Monat April das Thermometer in die Höhe hatte schnellen lassen und es nun übermütige 23 Grad im Schatten anzeigte. Aufmerksam beobachtete ich Paul, wie er sich mit Hilfe seiner Mannschaftskollegen abrackerte, den roten Fußball ins gegnerische Tor zu befördern. Als er meiner ansichtig wurde, rief mir der fußballbegeisterte, verschwitzte Racker zu:

"Morgen wird es noch heißer! Hast du schon einen Kühlschrank bestellt?"

© Silvia Peiker 2020-09-28

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