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Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen

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Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen | story.one

Wenn ich an die Stadt an der Spree denke, die mit 3,7 Millionen Berlinern und Berlinerinnen die bevölkerungsreichste der Europäischen Union ist, dreht sich mein Gedankenkarussell, um bei den interessanten Erläuterungen meines ehemaligen Professors für Geschichte zum Stillstand zu kommen: "Die Etymologie von Berlin basiert nicht auf dem berühmten Berliner Bären, dem Wappentier, sondern leitet sich vom altpolabischen Wort Brl für Sumpf, Morast ab und hängt mit der einstigen Beschaffenheit des Geländes zusammen, auf dem die ersten slawischen Siedlungen im 8. Jahrhundert errichtet wurden, die dann sukzessive zur heutigen Metropole zusammenwuchsen.

Mit dieser einst zweigeteilten Stadt verbinde ich den Luchterhand Verlag, der die Werke namhafter Autor*innen der ehemaligen DDR, wie der von mir aufgrund ihrer Erzählkunst verehrten Christa Wolf, publizierte. Wolf, die in ihrem Werk KASSANDRA unterschwellige Kritik am Regime der einstigen DDR geübt hatte, hielt einen Monat nach dem Mauerfall am Alexanderplatz, wo sie an einer Demonstration teilnahm, eine denkwürdige Rede. Sie forderte vehement:

"Demokratie, jetzt oder nie. Also träumen wir mit wacher Vernunft. Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg. "

Die Vision der Schriftstellerin ist wie die der Seherin Kassandra Realität geworden. Im Gegensatz zu Kassandra aber im positiven Sinne, denn das alte Berlin stieg auf zur neuen Hauptstadt eines wiedervereinigten Landes.

Aber auch Kurzzeitbewohner Berlins, wie der damals künstlerisch ausgebrannte David Bowie, haben ihre musikalischen Fußabdrücke auf der Suche nach Ruhe für einen längst notwendig gewordenen Drogenentzug hinterlassen. Verträumt lasse ich des Musikers legendäre Berliner Zeit in seiner ehemaligen Mietwohnung in der Schöneberger Hauptstraße in den Jahren 1976-78, in denen er Songs wie HEREOS komponierte und sein Mitbewohner Iggy Pop Bowies Lebensmittel aus dem Kühlschrank klaute, vor meinem geistigen Auge Revue passieren.

Mit Berlin verbinde ich auch eine mir liebgewordene betagte Dame, mit der ich während eines gemeinsamen Spitalsaufenthaltes ein nüchternes Krankenzimmer teilte. Im letzten Kriegsjahr war Helene in der Reichshauptstadt stationiert gewesen. Sie berichtete von gar wunderlichen Dingen, die sich während ihres unfreiwilligen Dienstes im Führerhauptquartier ereigneten. Und wenn Hildegard Knefs, die ihren letzten Atemzug in Berlin tat, unverwechselbares Timbre erklingt:

BERLIN, DU BIST DIE FRAU MIT DER SCHÜRZE,

AN DER WIR UNSER LEBEN LANG ZIEH'N,

BERLIN, DU GIBST DEM TAUFSCHEIN DIE WÜRZE,

UND HAST UNS DEIN NA UND ALS RETTUNGSRING VERLIEH'N.

Dann höre ich deinen Ruf. Berlin, ich denke, ich kann mich deinem Lockruf nicht mehr entziehen. Auch, wenn Leonhard Cohen sinniert:

“First we take Manhattan, then we take Berlin.” Ich werde mich zuerst für Berlin entscheiden.

Herzlichen Dank an Rodrigo Sümmer fürs stimmige Foto!

© Silvia Peiker 2022-01-22

Berlin-ein Koffer voller Erinnerungen

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