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#1sommer1buch

Ich seh', ich seh', was du nicht siehst

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Ich seh', ich seh', was du nicht siehst | story.one

Der Tag des Festes, ein Freitag, war gekommen, und ich begleitete die Schulkinder und Lehrerinnen nach dem Ende der Nachmittagsbetreuung zur Schulfeier, so wie ich es bei der letzten Konferenz versprochen hatte. Zwar hatte ich dort eigentlich keine Aufgabe zu erfĂŒllen, da die SchĂŒler und SchĂŒlerinnen das Festprogramm mit ihren Klassenlehrerinnen in den Schulstunden am Vormittag einstudiert hatten und die AuffĂŒhrung in meine unbezahlte Freizeit fiel. Doch eine engagierte Aufsichtsperson, die die restlichen Kinder im kleinen Hinterzimmer des Gasthofes betreute, wenn die Kleinen gerade ihre Verse aufsagten oder einen Tanz vorfĂŒhrten, war natĂŒrlich sehr willkommen.

Leider bekam ich dadurch nur sehr wenig vom Programm mit. Das störte mich aber nicht, denn ich hatte ja in den vorangegangenen Nachmittagsstunden mit den Kindern der 2. Klasse ihre Reime, die sie am Fest aufsagen sollten, und die heitere Geschichten ĂŒber Tiere erzĂ€hlten, geĂŒbt. Die lustigen Tiermasken aus Papier konnte ich in der Wartezeit vor dem Auftritt bewundern, die mit wunderschönen Blumen und prĂ€chtigen Tieren bemalte Dekoration der BĂŒhne, die von den Lehrerinnen gemeinsam gestaltet worden war, hatte ich schon beim Betreten des Saales erspĂ€ht, genauso wie unsere selbstgebastelten, kunterbunt leuchtenden Kartonherzen in den Vasen auf den festlich geschmĂŒckten Tischen.

WĂ€hrend der Wartezeit vor den Auftritten bemĂŒhte ich mich, mit den aufgeregt schnatternden Kindern Spiele, die keinerlei Requisiten benötigten, wie "Ich seh', ich seh', was du nicht siehst" oder "Alles, was FlĂŒgel hat, fliegt" zu spielen.

Beim erstgenannten Spiel machte es uns Fabian besonders schwer. Begeistert rief er: "Ich seh', ich seh', was du nicht siehst, und das ist schwarz!" Konzentriert sahen wir uns im kleinen Extrazimmer des Gasthofes um. Egal, welchen Gegenstand oder welches KleidungsstĂŒck die Kinder nannten, sie lagen falsch. Und klein sollte das gesuchte Ding auch noch sein!

Eines der MĂ€dchen rief siegessicher: „Ist es die schwarze Schrift auf den Speisekarten?"

Fabian grinste: „Nein, die ist es nicht!“

Einer der Burschen zeigte aufgeregt auf seinen Sitznachbarn: „Könnte es nicht die schwarze Hose von Norbert sein?"

Wiederum Fehlanzeige, außerdem viel zu groß! Und so ging es weiter mit allen möglichen VorschlĂ€gen, bis ich schließlich resigniert fragte, bevor es langweilig wurde: „Lieber Fabian, uns fĂ€llt jetzt nichts mehr ein. Bitte gib uns einen Hinweis!"

Da lachte der Abc-SchĂŒtze, blickte in mein Gesicht und brĂŒllte: „Das sind die schwarzen Bowlingkugeln in deinen Augen!"

VerblĂŒfft blickte ich auf den kleinen Stöpsel hinunter, der meine schwarzen Pupillen mit Bowlingkugeln verglich. Auf diese Idee wĂ€re ich wohl niemals gekommen! Wir lachten alle herzlich und waren sich einig, dass Fabians Bowlingkugeln wahrlich die originellsten Suchobjekte unseres Pausenspiels gewesen waren.

© Silvia Peiker 2020-08-29

eigenartig

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