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Briefe für einen Präsidenten

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Briefe für einen Präsidenten | story.one

Welch beeindruckendes Plädoyer für Zivilcourage, das unsere Freundin Gusti in der Deutschstunde gehalten hatte. Begeistert appellierte sie an ihre gebannt lauschenden Schulkameradinnen, für Menschen einzutreten, die nicht vom Aufwachsen in einer Demokratie profitierten und ihre Meinung frei kundtun durften.

Gustis Referat legte den Grundstein für unser lebenslanges Engagement für Amnesty International. Manuela und ich traten der Gruppe 92 bei, um uns für das Recht auf freie Meinungsäußerung von politisch gewaltlos Inhaftierten, denen ihre Stimme durch menschenverachtende Regierungen aberkannt worden war, einzusetzen.

Ich verfasste Briefe in englischer Sprache mit der Bitte um Freilassung der zu Unrecht Verurteilten, Manuela kopierte diese und verteilte die Appelle an unsere Mitglieder in Auersthal, Bockfließ, Deutsch-Wagram, Gänserndorf und Weikendorf. Diese Bittgesuche sandten wir dann an ausländische Politiker oder Botschaften, Computer gab es damals noch keine. Natürlich alles ehrenamtlich, auch das meist hohe Porto wurde aus eigener Tasche bezahlt. Viele der Gefangenen dauerten oft ohne Urteil lange Jahre hinter Gittern oder wurden misshandelt, um Gleichgesinnte zu verraten.

Leo, ein engagierter Journalist, warb bis zu seinem Tod aufgrund einer unheilbaren Erkrankung in den Niederösterreichischen Nachrichten für Veranstaltungen und Lesungen, in denen wir Briefe von Häftlingen, aber auch berührende Dankschreiben von Freigekommenen vorlasen. Dadurch gewannen wir, aber auch im Freundes- und Bekanntenkreis, neue Mitglieder. Leider verstarb auch unser unvergessener Gruppenleiter Hans viel zu früh, seine junge Witwe führte dann den Stützpunkt in Auersthal weiter.

Unsere Gruppe betreute einige tschechoslowakische inhaftierte Dissidenten wie Pavel Kohout. Mit einem, dem die Flucht nach Österreich geglückt war, hatten wir auch Kontakt. Der arme Flüchtling lebte versteckt im Untergrund und wir konnten uns nur heimlich treffen, da tschechische Spitzel der Staatspolizei auch in Wien und Umgebung ihr Unwesen trieben.

So kam es, dass ich eines Tages einen Brief an die tschechoslowakische Regierung mit der Bitte um Freilassung des Opponenten Václav Havel schrieb. Wer hätte sich damals gedacht, dass der Autor und Mitbegründer der Charta 77, der sich dem Regime des damaligen Staatsoberhauptes Husák widersetzte, ab 1989 Präsident der Tschechoslowakei und der späteren Tschechischen Republik werden würde?

Dank der internationalen Proteste wurde Havels Haftstrafe schließlich erlassen und ich kann mich noch gut erinnern, wie uns Hans mit dieser frohen Botschaft beim monatlichen Treffen überraschte. So war es unserer Gruppe, gemeinsam mit vielen anderen Mitstreitern, gelungen, eine Kerze der Hoffnung, die als Symbol für Amnesty International weltweit bekannt ist, zu entzünden und das Dunkel der Ungerechtigkeit mit ihrem strahlenden Schein zu durchdringen.

© Silvia Peiker 2020-12-31

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