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#1sommer1buch

Bye, bye Zahnfee

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Bye, bye Zahnfee | story.one

Schon in jungen Jahren litt ich unter häufigen Zahnschmerzen, wobei der Genuss von zuckersüßem Apfelsaft und die wohl gutgemeinten Süßigkeiten von Verwandten ihre Mitschuld nicht verleugnen konnten. Jedes Mal, wenn der stets schlecht gelaunte Zahnarzt, der bei der Arbeit stets Opernarien lauschte, meine Karies mit dem grässlichen Bohrer entfernt und das Loch mit Amalgam gefüllt hatte, belohnte mich meine Großmutter für das tapfere Durchhalten während der schmerzhaften Prozedur auf dem Folterstuhl mit einer Gummischlange, was nicht gerade förderlich für die frische Plombe war.

Mit dem Zahnarzt war wirklich nicht zu spaßen. Eines Tages biss ihn meine ängstliche jüngere Cousine in den Finger, worauf er ihr eine schallende Ohrfeige verpasste. Diese Aktion half nicht gerade, meine Furcht vor dem Folterknecht zu verringern.

Als ich ein Teenager war, pilgerte ich ins Zahnambulatorium nach Floridsdorf, wo ein Verwandter als Dentist tätig war. Diesen netten Onkel sah ich jedoch nur recht selten, denn dort kannst du dir den Zahnarzt natürlich nicht aussuchen. Du wirst bei jedem Termin in ein anderes Behandlungszimmer bestellt, wodurch du viele neue Ärzte mit unterschiedlichem Können kennenlernst. Man verpasst deinem schmerzenden Zahn eine Einlage und lädt dich für nächstes Monat wieder ein. Die langen Wartezeiten zwischen den Behandlungen lassen die Qualen leider nicht verschwinden und diese Fortsetzungsgeschichte endet dann meistens damit, dass der Zahn gezogen werden muss, natürlich wieder von einem dir unbekannten Zahnklempner.

Später fand ich im noblen 19. Bezirk in Wien einen Zahnarzt, der seine Patienten mit dem Aussehen und strahlendem Lächeln eines Marlon Brando empfing. Wurzelbehandlungen musste ich ohne Betäubungsspritze erleiden, ich sollte ihn am Ärmel seines weißen Kittels zupfen, wenn es weh tat. Natürlich schmerzte es fürchterlich, wenn der Bohrer immer tiefer in den kranken Zahnkanal eindrang und ich immer tiefer im Behandlungsstuhl versank.

Dann zupfte ich nicht mehr, sondern riss ihm beinahe den Knopf vom Ärmelende ab. Ich erhielt eine Gifteinlage und die Behandlung zog sich wochenlang dahin. Der stets gut aufgelegte Mann plombierte so schleißig, dass die Karies unter den Füllungen eifrig weiter Löcher in die Zähne fraß. Diese fahrlässige Arbeitsweise kostete mich so manchen Zahn und so schrieb ich mir meinen Frust in Form von 10 Geboten von der Seele:

Du sollst deinem Patienten glauben

Du sollst den Namen deines Patienten nicht verunehren

Du sollst den Tag, an dem dein Patient zu dir kommt, mit Freude entgegensehen

Du sollst deinen Patienten ehren, solange du lebst und es dir wohlergeht auf Erden

Du sollst die Zähne deines Patienten nicht töten

Du sollst die Ehe deines Patienten nicht brechen

Du sollst deinen Patienten nicht bestehlen

Du sollst deinen Patienten nicht belügen

Du sollst nicht begehren deines Patienten Frau

Du sollst nicht begehren deines Patienten Gut (seine Zähne)

© Silvia Peiker 2020-10-07

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