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#theaterluft

Das perfekte Geheimnis

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Das perfekte Geheimnis | story.one

Gibt es dieses überhaupt? Kann man ein Geheimnis für immer und ewig mit sieben Siegeln unter Verschluss halten, so einfach bewahren? Wird es nicht Whistleblower geben, die den Schleier der Verschwiegenheit lüften und das Verborgene, nicht für Augen und Ohren Bestimmte, in den Mittelpunkt der oft grausamen Realität zerren?

Geheimnisvolles Wispern ist es, das uns wie magisch in seinen nebulösen Bann zieht. Nebelfetzen verwischen unsere Sicht auf mysteriöse Rätsel, die erst im gleißenden Scheinwerferlicht der Tatsachen oder der Bühne des Lebens Gestalt annehmen und uns entweder schöne Bilder oder eine hässliche Fratze offenbaren.

So wie die Waise Mary Lennox den geheimen Garten von Frances Jodgson Burnett im gleichnamigen Buch mitten im Wald entdeckt und über die hohe Mauer klettert, so liegt es wohl in der Natur der Menschen, gut gehütete Geheimnisse der anderen aufzudecken.

Und im Zeitalter der technischen Innovationen ist es geradezu einfach, Chatnachrichten der anderen auf dem Smartphone einzusehen oder Gespräche mithilfe des verräterischen Lautsprechers mitzuhören. So sollen Paolo Genoveses Protagonist*innen in Evas und Roccos Dachgeschosswohnung alle eingehenden Telefongespräche laut schalten und ankommende Nachrichten preisgeben. Die Beziehung der Charaktere zueinander wird auf eine harte Probe gestellt und alle machen die Erfahrung, dass unter der gutbürgerlichen Fassade Risse und Spalten lauern:

Peppe: “Ich hoffe doch, dass da noch das eine oder andere Geheimnis ist ... sonst wäre das ja total langweilig.”

Eva: “Ok, dann lasst uns ein Spiel machen.”

Lele: “Was für ein Spiel?”

Eva: "Wir entdecken das Geheimnis!"

So gerät das anfänglich harmlose Spiel der Freunde im Laufe des Abends völlig aus den nahtlosen Fugen. Denn die männlichen und weiblichen Kommunikationspartner am anderen Ende der Leitung haben keine Ahnung von der diabolischen Farce und werden unbewusst zu Verrätern. Der anfänglich unterhaltsame Zeitvertreib entlarvt das gesellige Beisammensein der Sieben als Posse und fördert Lug und Trug zutage.

Das turbulente Drama, dessen Comedycharakter mit reichlich kuriosen Situationen und Wortwitz aufwartet, gewährt letztendlich tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele. Gleich Aristoteles Tragödie ist der Fall unvermeidlich. Schon als die Partygäste ihre Handys für alle sichtbar auf den Couchtisch legen, lässt sich die Vorahnung von phobos, der Furcht, auf so manch entsetzter Miene erkennen. Elebos, sprich Mitleid, für die Entlarvten zu empfinden, das obliegt am Ende dem applaudierenden Publikum, das infolge der gründlichen Katharsis von diesem Spiel um das perfekte Geheimnis der anderen geheilt ist.

Herzlichen Dank an Kristina Flour für das perfekte Foto!

© Silvia Peiker 2021-10-27

Weltfragen Theatergeschichten

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