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#naturerlebnis#eigenartig

David und Goliath

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David und Goliath | story.one

Vereinzelt blitzen noch Sonnenstrahlen hinter den Wolken hervor, die wie verspielte WattebĂ€llchen im strahlenden Blau des Herbsthimmels herumkullern. Die rötlich-gelb verfĂ€rbten BlĂ€tter des Ahorns haben sich wie eine luftige Decke ĂŒber den Rasen gelegt und sich mit dem gelbgrĂŒnen Laub des Ginkos vermischt, wo sie nun um die Wette strahlen.

Ein leises LĂŒftchen schaukelt mich sanft in meiner netzförmigen HĂ€ngematte, wĂ€hrend ich gerade mein MittagsschlĂ€fchen genieße, das ich mir nach getaner Arbeit redlich verdient habe. Doch selbst der Frömmste kann nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefĂ€llt“, schießt mir das Schillerzitat durch den Kopf, als sich ein nerviges Dröhnen meiner WohlfĂŒhloase zu nĂ€hern scheint.

Aufgeschreckt halte ich Ausschau nach der Ursache des Radaus, der langsam aber bestĂ€ndig zunimmt und das melodische Zwitschern der Vögel verstummen lĂ€sst. Noch kann ich die Quelle des Krachs nicht ausmachen, denn ich habe meinen Schlafplatz so gewĂ€hlt, dass dieser gut geschĂŒtzt in einer der behaglichen Ecken der großzĂŒgig angelegten Terrasse Wind und Regen zu trotzen vermag.

Doch das lĂ€rmende Brummen kann ich jetzt schon am ganzen Körper spĂŒren, und einen kurzen Blick auf das unheimliche UngetĂŒm, das auf den weißen Terrassenfliesen bedrohlich hin- und herruckelt, habe ich auch schon erhascht. Mein entsetzter Blick fĂ€llt auf eine riesige Maschine, die mit ungeheurer Kraft alles verschluckt, was sich ihr in den Weg stellt.

In Windeseile verlasse ich meinen RĂŒckzugsort, ergreife Ă€ngstlich die Flucht vor dem Monster, das mich gar nicht zu bemerken scheint. Obwohl ich fit wie ein Turnschuh bin, kommt das UngetĂŒm rasch nĂ€her. Gleich erwischt es mich und ich muss in seinem unersĂ€ttlichen Bauch verschwinden.

“Stopp!" möchte ich meinem Kontrahenten entgegenschreien. “Lass mich in Ruhe!”

Völlig unerwartet senkt sich wohltuende Stille ĂŒber den Garten, selbst die herbstliche Brise scheint den Atem angehalten zu haben.

“Hat das riesige Ding mich trotz gewaltigem Getöse etwa bemerkt?”

Wie erstarrt setze ich ein Bein vor das andere, um wie in Trance doch noch das Weite zu suchen.

Plötzlich gewahre ich einen neuen Feind, ein langes Ding, dessen Stiel rot leuchtet und an dessen Ende schwarze, unnachgiebige Borsten wachsen. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, aber im Handumdrehen hĂ€nge ich am struppigen Ende meines Gegners und werde behutsam ins feuchte Gras befördert.

Die Sorge um mein feingewebtes Netz schwirrt noch in meinen Gedanken herum, als ich glĂŒcklich, dem Koloss wie durch ein Wunder entkommen zu sein, mit meinen acht Beinchen unter den nĂ€chsten Strauch krabble.

© Silvia Peiker 2020-11-29

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